Im Labyrinth der Kommunikation

(Feb 2008) Im Theater Phönix hatte im Jänner Andreas Jungwirths „Volksgarten“ Premiere. Im Gespräch mit Julia Binter gab Regisseur Alexander Kratzer anhand der Protagonisten Einblicke in das konfligierende Potential der Verständigung zwischen Ehepartnern und das ambivalente Verhältnis von Linz09 zur Linzer Künstlerszene.

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Interview

Es ist eine Crux mit der lieben Kommunikation. Jeder verständigt sich, will verstanden oder einfach einmal in Ruhe gelassen werden. Doch ob man nun möchte oder nicht, man kommuniziert immer. Das provoziert mitunter nicht nur im Alltag Missverständnisse und infolgedessen Konflikte. Andreas Jungwirth seziert in seinem Auftragswerk „Volksgarten“ für das Theater Phönix die fehl gelaufene Verständigung eines älteren Ehepaares, das sich – gut situiert und intellektuell ausgerichtet, nicht weniger unglücklich – durch das Auftauchen eines jungen Mannes mit seinen seit langem zugeschütteten Verletzungen und unausgesprochenen Konflikten auseinandersetzten muss. Der Tiroler Regisseur Alexander Kratzer, der schon 2007 im Theater Phönix Ingrid Höller und Helmut Fröhlich in Satres „Geschlossener Gesellschaft“ erkennen ließ: „L’enfer c’est les autres“, ließ und lässt ab 24. Jänner Ferdinand Kopeinig als jungen Liebhaber Simon die von den beiden Phönixveteranen verkörperte traute Zweisamkeit ins Wanken bringen. In einem Gespräch gab der Regisseur Aphorismen zu „Volksgarten“ preis.

Was ist das Besondere an Linz und „Volksgarten“?
K: Jiři, der Ehemann im Stück, führt ein bisexuelles Leben und begegnet Simon erstmals im Linzer Volksgarten, der – ich selbst weiß das nicht, weil ich kein Linzer, sondern Tiroler bin – anscheinend ein Homosexuellentreffpunkt ist. Das Ehepaar teilt sein Leben zwar, lenkt es aber immer mehr in Bahnen, aus denen es nicht mehr herauskommt. Der junge Mann, den Jiři kennen lernt, ist eine Möglichkeit auszubrechen. Es ist ein häufiges Phänomen, dass man eine gemeinsame Krise hat, sie aber immer wieder wegschiebt und so tut, als wäre sie nicht vorhanden. Erst über Simon schaffen Hannah und Jiři es, Dinge zu bewältigen, die sie zu zweit nie bewältigen könnten. „Volksgarten“ ist deshalb meiner Meinung nach eine Beziehungsgeschichte und kein Stück, das sich um Homosexualität dreht. Für mich könnte es genau so gut die Frau sein, die sich in eine oder einen anderen verliebt. Wie lebt man eine Ehe? Was deckt man zu? An was hat man sich gewöhnt? Worüber regt man sich eigentlich auf, spricht es aber nicht mehr an, weil es schon jahrelang so ist? Was getraut man sich nicht auszusprechen? Die Darstellung der Kommunikation ist es auch, die mir an Andreas Jungwirths Stück so gut gefällt. Es ist reduziert auf die Frage, wie man miteinander umgeht. Es ist ein Sprachstück mit einer Sprache, die sehr nahe an der gesprochenen ist. Das macht auch den Sog dieses Stückes aus. Es mach einen neugierig – als würde man im Volksgarten auf einer Bank sitzen und gegenüber verhandeln zwei Leute ein wichtiges Thema. Man will plötzlich wissen, wie sie zueinander stehen und was sie eigentlich voneinander wollen.

Können Sie kurz die Figuren charakterisieren?
K: Jiři ist ein älterer Mann, der eigentlich in sehr geordneten Verhältnissen lebt. Er ist Uniprofessor und reist viel. Es geht ihm eigentlich gut, sowohl was seine Ehe als auch seinen Beruf betrifft. Beim jüngeren Simon weiß man nicht genau, was er macht. Er behauptet zwar einen Job zu haben, aber seine Vergangenheit bleibt großteils im Dunkeln. Er ist am Suchen. Diese Zustandsbeschreibung ist meiner Meinung nach sehr passend für die Generation der heute Zwanzig bis Mitte Dreißigjährigen. Die Möglichkeiten die wir – ich bin Mitte Dreißig – vor zehn Jahren in diesem Land hatten waren nahezu unbegrenzt. Der Weg war nicht mehr so klar vorgezeichnet. In dieser neuen gutbürgerlichen Bildungsschicht war plötzlich alles möglich. Man konnte studieren, eine Lehre absolvieren oder auch gar nichts tun, da die Eltern ohnehin alles abfederten. Das war die erste Generation, wo es denkbar war, zwei Semester ein Studium zu beginnen, um es sich dann doch anders zu überlegen und zum Schluss kam dann gar nichts heraus. Simon ist so ein Typ. Er ist nicht blöd. Aber es ist schwieriger, aus hundert Möglichkeiten zu wählen als aus einigen wenigen.

Spielt dieses Suchen auch in der Sexualität eine Rolle?
Laut dem Stück war es Simon immer klar, dass er homosexuell ist. Ganz im Gegenteil zu Jiři, der zwar beruflich ein geordnetes Leben führt, aber bei seiner Sexualität orientierungslos ist. Auch Hannah ist auf der Suche. Sie ist als Fotografin beruflich erfolgreich und kann durch ihre Kunst ein eigenständiges, abwechslungsreiches Leben führen. Dennoch sucht sie Liebe und Anerkennung. Hannah führt eine schwierige Ehe, die anfangs aber sicherlich einen sehr guten, gesunden Grundstock hatte. Sie und Jiři ergänzen sich und können interessante Gespräche führen, haben Verständnis füreinander. Trotzdem wischen sie Kernprobleme ihres Lebens einfach weg oder reden sie schön. Hannah weiß zum Beispiel seit Jahren, dass ihr Mann auf Reisen immer wieder Männerbekanntschaften pflegt. Es gibt schon sehr lange eine Verletzung, die aber ignoriert wird und der man sich nicht stellt. Im Laufe der Jahre ändern sich Sichtweisen auf das Leben und die Liebe. Jede Generation hat Sehnsüchte. Hannah und Jiři wünschen sich glücklich zu sein, sagen zu können: „Mir geht es wirklich gut.“ Simon andererseits sehnt sich nach seiner langen rastlosen Zeit der Suche nach Ruhe und etwas Fixem. Einmal sagt er, dass er einen Menschen finden möchte, mit dem er den Sonnenuntergang genießen kann.

Ließ Andreas Jungwirth Ihnen als Regisseur viele Freiheiten in der szenischen Gestaltung?
Meist hatten die Szenen einen zwingenden Rhythmus und dadurch legt Andreas Jungwirth die Regie oft mit seiner Sprache fest. Bühnenkonzept, Licht etc. sind aber frei gestaltbar und ich habe durch die Gespräche mit ihm nicht das Gefühl gewonnen, dass er seine Vorstellungen unbedingt durchgesetzt haben will. Die Frage nach der Gestaltung bei völlig gegenläufigen Ideen ist ohnehin eine rein hypothetische, da wir uns gut verstanden haben.

Sie inszenieren zum zweiten Mal im Phönix in Linz. Wie gefallen Ihnen das Theaterhaus und die Stadt?
Das Phönix ist sehr offen. Die Atmosphäre ist kreativ förderlich. Es setzt auf junge Stückeschreiber und zeigt neue Sicht- und Inszenierungsweisen bekannter Klassiker wie Nestroys „Der Talisman“. Das von Ihnen erwähnte provokante Label des Phönix finde ich unzureichend. Was ist denn heute noch provokant? Vor fünfzehn Jahren hätte ich nur einen Geschlechtsakt auf der Bühne zeigen müssen, um zu schockieren. Heute masturbiert der Darsteller in „Molière, eine Passion“ bei den Salzburger Festspielen, während er seinen Monolog hält. Keiner der Zuschauer steht mehr auf und geht hinaus. In den Kritiken wird das nicht einmal mehr erwähnt. Ich würde kein Stück inszenieren mit dem einzigen Ziel der Provokation. Linz ist eine spannende Stadt. Im Gegensatz zu Innsbruck und Salzburg, wo ich großteils inszeniere, hat man ein bisschen das Gefühl einer Großstadt – vor allem wegen der Stadtautobahnen und dem riesige Voestgelände. Es reibt sich. In Salzburg ist es gutbürgerlicher, reicher, braver, gleichmäßiger oder hochkultureller. Linz hat einfach einen schlechteren Ruf und ist angeblich die dreckige Industriestadt und architektonisch nicht herausragend. Als ich zum ersten Mal in der Linzer Altstadt war, wunderte ich mich über die schönen Häuser, weil ich davon nie gehört hatte. Andererseits gibt es diese extrem lebendige und freundliche Kulturszene – im Sinne von miteinander, nicht gegeneinander. Die Künstler sind aufgeschlossen. Das Ensemble des Landestheaters sieht sich Stücke im Phönix an und umgekehrt. Dieses respektvolle Interesse aneinander kenne ich aus den anderen Städten nicht.

Haben Sie Hoffnung für Linz09?
Das weiß ich nicht. Da habe ich den Eindruck, dass die Organisatoren von Linz09 eben nicht auf die Linzer Kunstszene vertrauen, sondern glauben, als Kulturhauptstadt ganz außergewöhnliche Künstler nach Linz holen zu müssen, die sie sie in Linz nicht zu finden meinen. Warum muss Schlingensief eingeladen werden? Dadurch werden die Stadt und das Event austauschbar. Ich stelle es mir viel interessanter vor, Linzer Aktionskünstlern eine Plattform und eine finanzielle Chance zu geben. Zuerst sollte man diese Kräfte erst einmal wecken. Danach kann man sie immer noch kritisieren.