Machtfaktor K, Angstfaktor K

(März 2007) Das Gute an diesen schlimmen Zeiten ist, dass es noch nie so leicht war, gut zu sein. Schön ist doch zum Beispiel, wie viele Menschen sich angesichts des bevorstehenden Kulturhauptstadtjahres plötzlich und völlig unvermutet für – genau – Kultur interessieren. Wiltrud Hackl reflektiert.

Format: 
Artikel

Die Zeiten sind schlimm, aber nicht so schlimm, dass sie nicht noch schlimmer werden könnten. Das Gute an diesen schlimmen Zeiten ist allerdings, dass es noch nie so leicht war, gut zu sein. Das beweist sich täglich und durch ganz viele Menschen. Schön ist doch zum Beispiel, wie viele Menschen sich angesichts des bevorstehenden Kulturhauptstadtjahres plötzlich und völlig unvermutet für – genau – Kultur interessieren. Selbst lokale Größen aus umliegenden Gemeinden mit Hauptberuf Fernsehansager, die sich in den letzten Jahren eher durch abfällige Bemerkungen über Kultur im allgemeinen und über Kulturberichterstatterinnen im besonderen hervorgetan haben, sitzen nun – schwups – in Aufsichtsräten, die sich mit der Kulturhauptstadt beschäftigen. Aberaberaber, hör ich da: Kultur, das beschreibt ja nicht nur Kunst, sondern auch: Gesprächskultur, Bildungskultur, Kultur der Umgangsformen, etcetera und gähn. Ganz genau, auch in diesem Sinne: schön also, dass sich bislang eher kulturferne Menschen plötzlich so sehr für Kultur interessieren. Was lernen wir daraus: nicht nur Politik und Wirtschaft, nein, auch Kultur wird, wenn’s gerade passt, zum Machtfaktor.

Schön des Weiteren, dass aus dem ehemaligen Angstfaktor Kultur nun der wohltuende, höchstwillkommene Machtfaktor Kultur geworden ist. Aus „Versteh i net, is ma wurscht“ wurde „versteh i net, bringt ma aba was“. Wer sich nun erhofft, in einem nicht unwesentlichen Medienunternehmen des Landes verändere sich nun der Zugang zur Kultur allein dadurch, dass nun doch einige Mitarbeiter im Aufsichtsrat der Kulturhauptstadt sitzen, oje, der oder die irrt. Noch immer (oder schon wieder) heißt es: Kultur und Kunst seien Abschaltimpulse, noch immer heißt es, die Leute wollen zum Abendessen zwar die Grausligkeiten von der Strasse sehen aber keine Theateraufführungen, noch immer heißt es, Kultur, die könne ruhig mal zugunsten „aktueller“ Berichterstattung (heißt immer: ausschließlich Kultur) auf ihren Sendeplatz verzichten, noch immer heißt es: Kulturberichterstattung, die hat gefälligst so tief serviert zu werden, dass auch noch die Katze und der Hund etwas davon haben. Abgesehen davon, dass diese Herangehensweise eine Diskreditierung der Seher und Seherinnen ist, die diese nicht verdient haben, bedeutet diese Entwicklung nicht mehr und nicht weniger, als dass möglicherweise im Jahr 2009 zwar die halbe Belegschaft des betreffenden Medienunternehmens im Aufsichtsrat sitzt und sich mit „Kultur“ schmückt, die Kulturberichterstattung aus dem Programm allerdings sukzessive entfernt wurde. Bleibt zu hoffen, dass es noch ein paar Bürger und Bürgerinnen gibt, denen das auffällt und die ihr Recht auf lokale Kulturberichterstattung aus der im Übrigen – noch – einzigen verbliebenen Kulturredaktion eines Landesstudios einfordern. In diesem Sinne: Die Zeiten sind so schlimm, dass es noch nie so einfach war, gut zu sein.