Benutzerfreundliche Kunst

(Mai 2007) „Schaurausch“. Eine Ausstellung des O.K. Centrums für Gegenwartskunst in Kooperation mit Linz 2009 und dem Linzer City Ring. Die Zielsetzung der Kulturhauptstadt, nämlich „Internationalisierungsschub“ und „Kultur für alle“ nehmen Gestalt an. Judith Pouget gibt sich skeptisch.

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Schaurausch. Was fällt mir dazu ein? Konsumrausch. Kaufrausch. Rausch auf jeden Fall. Ein Zustand des Nicht-Denkens, der Nicht-Rationalität, des (zumindest im Nachhinein meist unangenehmen, weil Kopfweh und Übelkeit nach sich ziehenden) Kontrollverlusts als Folge des Konsums bestimmter Substanzen. Und das sind wir schon wieder am Anfang – nämlich beim Konsum. Denn beim „Schaurausch“ soll es darum gehen, Kunst zu konsumieren – so steht es zumindest im Pressetext. Nun bin ich nicht der Meinung, dass man KUNST immer in Großbuchstaben schreiben, mit einem Heiligenschein versehen und innerlich vor ihr auf die Knie fallen muss. Aber: Lässt sich Kunst konsumieren? Ist der Konsum von Kunst nicht ein Widerspruch per se? Kunst erfordert Auseinandersetzung, Nachdenken, ein In-Beziehung-Setzen des Wahrgenommenen zur eigenen, subjektiv geprägten Realität – sie erfordert also eine gewisse Aktivität. Konsum dagegen ist Passivität: das Sich-Einverleiben von Fertigem, Vorgegebenem, in dem man keinen Sinn mehr suchen muss – weil sein einziger Sinn darin liegt, zur Verfügung zu stehen: als Gebrauchsartikel, als Luxusgut oder als Stoff für Small-talk unter Adabeis. Der Rausch hält sich dabei in Grenzen; der Kater danach kann jedoch ganz schön übel sein.
Aber man muss ja nicht alles so wörtlich nehmen – und auch nicht über alles so genau nachdenken. (Vor allem Zweiteres ist dem Konsum meist gar nicht zuträglich.)

Beim „Schaurausch“ im Mai gestalten über 30 nationale und internationale Künstlerinnen und Künstler insgesamt 50 Schaufenster als Kunstobjekte. Laut Konzept der Veranstalter verwandeln sie damit die Linzer Innenstadt in eine lebendige Kunstmeile; „der Stadtbesucher wird zum Flaneur, der sich auf eine künstlerische Entdeckungsreise begibt.“ Die Kunst soll ihren Elfenbeinturm verlassen, sich an ungewöhnliche Orte begeben, sich einer anderen Wahrnehmung aussetzen als im Museum. Für Linz 09-Intendanten Martin Heller ist „Schaurausch“ nicht nur „die erste kuratierte Kooperation mit einer wichtigen Kultureinrichtung vor Ort“, sondern auch eine Möglichkeit, „Appetit [zu] machen auf 2009 und der Kulturhauptstadt ein Gesicht [zu] geben“. (Hat Linz ohne 09 kein Gesicht?)

Kernstück der Ausstellung sind einige spektakuläre Großprojekte an exponierten Geschäftsfassaden und in den zentralen Einkaufszentren. So zum Beispiel die Arbeit des Vorarlbergers Stefan Sagmeister: Er verkleidet die Fassade über dem Linzer Casino mit dem Schriftzug „Money does not make me happy“ und belegt außerdem die gesamte Vorderseite der Parfumeriekette Douglas mit einer Notiz aus seinem Tagebuch – Blow Ups, die Werbesprache imitieren, ohne Werbung zu sein. Ein weiteres Großprojekt ist die Ausstellung der Künstlerin und Mode-Fotografin Elfie Semotan: In der leer stehenden Einkaufspassage unter dem Casino zeigt sie in zweieinhalb Meter hohen Leuchtkästen Fotos von Verkäuferinnen aus Linzer Geschäften – nicht als amateurhafte (Werbe-)Models, sondern als „urbane Menschen“. Als „öffentliche Kunstfigur“ präsentiert sich die Oberösterreicherin Claudia Czimek in einem Schaufenster von C&A, wo sie unter den Augen der Passanten scheinbar wertlosen Konsum-Müll wieder auferstehen lässt: Sie passt unterschiedlichste Alltagsprodukte ihren Vorstellungen und Phantasien an und macht daraus wieder etwas Wertvolles und Einzigartiges.
Mit der Konsum- und Wegwerfgesellschaft setzen sich auch eine Reihe weiterer Arbeiten auseinander: In den Händen der Belgierin Hilde Kentane verwandeln sich Plastiktüten und Verpackungen in dreidimensionale Tierobjekte wie bunte, wohlgenährte Ratten oder Trüffelschweine; der Installationskünstler und Bildhauer Martin Dickinger erschafft durch die Anhäufung und Vervielfältigung von Elementen aus der Warenwelt eine Parallelwelt aus Papiermaché.
Das Spiel mit illusionärer Raumwahrnehmung nutzt die Brasilianerin Lucia Koch in ihrem Werk „Fundos“ (Hintergründe). Auf die Schaufenster aufgezogene Fotografien von Verpackungsmaterial täuschen das Auge und geben dem Besucher das Gefühl, den Raum dahinter auch physisch betreten zu können; fotografischer und architektonischer Raum überlagern sich, und das „begehbare Schaufenster“ entpuppt sich erst bei näherem Hinsehen als Behälter für Teigwaren oder Orangensaft (zu sehen an der ehemaligen Schachermayer-Fassade).

So weit ein Vorgeschmack darauf, was die „Schaurauschigen“ im Mai erwartet. Rechtzeitig zur Ausstellung wird auch eine Dokumentation erscheinen, die alle Kunstwerke und Ausstellungsorte für den Betrachter aufbereitet – mit Abbildungen der Schaufenster ohne Kunst und Fotos der Kunstwerke zum Einkleben. Die Texte dazu sollen einer „benutzerfreundlichen“ Methode folgen: „3 Sekunden zum Einstieg, 30 Sekunden um Überblick zu gewinnen und 3 Minuten, um sich zu vertiefen“. Eine nette Idee, die genau das auf den Punkt bringt, was der „Schaurausch“ – laut Pressetext – ermöglichen soll: nämlich „eine Kunst-Konsumation gewissermaßen im Vorbeigehen“.

Für die Wirtschaft soll die Ausstellung ein Probelauf sein, „sich hautnah im Kontext mit Kultur präsentieren zu können“; UnternehmerInnen und MitarbeiterInnen sollen zu „Kunstvermittlern“ werden, und Kulturreferent Erich Watzl sieht mit dem Schaurausch gar das kulturpolitische Anliegen erfüllt, „Kultur und Wirtschaft auf gleicher Augenhöhe“ partnerschaftlich umzusetzen.

Bei derlei Aussagen bleibt kein Auge trocken. Und wohl auch keine Frage offen, worauf das ganze Konzept der „Kulturhauptstadt“ letztendlich abzielt: Kunst und Kultur? Oder doch Konsum im Vorbeigehen?