Kreativ? Klasse!

Versorgerin #78, Juni 08
2015 will Linz die interessanteste Stadt Österreichs sein. Im Standortwettbewerb sollen „Creative Industries“ für Attraktivität sorgen. Um diese anzusiedeln und zu binden, stehen der Stadt aber große Anstrengungen bevor. Von Andreas Kump

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Monocle, ein englisches Magazin und Guide für geschmacksichere Lebensführung, widmete jüngst eine Ausgabe dem „Bauen besserer Städte, Viertel und Wohnorten“. Die Titelgeschichte: Eine Rangliste der 25 lebenswertesten Städte der Welt. Am ersten Platz: Kopenhagen, gefolgt von München und Tokyo. Auf Platz sechs der u.a. mit Sonnenstunden, Mordraten und internationalen Flugverbindungen zustande gekommen Liste findet sich Wien. Ob es Monocle und sein Städteranking 2015 noch geben wird ist fraglich, die oberösterreichische Landeshauptstadt Linz wird hingegen auch dann noch zwischen der Kulturstadt Wien und der Touristenstadt Salzburg liegen – aber vielleicht nur noch geographisch.
Im Zusammenhang mit dem Kulturhauptstadtjahr 2009 plant Linz nämlich den Aufstieg. „Sechs Jahre nach dem Kulturhauptstadtjubel soll Linz einen Gewinn einfahren, der die Nachhaltigkeit erweist. (...) Linz wird 2015 die interessante Stadt Österreichs sein.“ Das ist zumindest die Vision von Martin Heller, Intendant von Linz09, geäußert in der Publikation „LINZ TEXAS – Eine Stadt mit Beziehungen“, ein Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Wiener Architekturforum. „Die interessanteste Stadt Österreich“ – das erinnert an das Attribut „steilste Adhäsionsbahn der Welt“ für die Linzer Pöstlingbergbahn, wobei selbst dieses bei Linz-Touristen oft für Belustigung sorgende Label noch messbaren Kriterien gehorcht, während sich „interessant“ alle Freiheiten des jeweiligen Betrachters lässt. Ob etwa Linz 2015 für ein Magazin wie Monocle interessant sein könnte, ist damit nicht gesagt. Die selbst auferlegte Nachhaltigkeit wählt als Motto die größtmögliche Schwammigkeit. Was angesichts des Subtexts im schon angesprochenen Katalog verwundert. Dort redet Martin Heller nämlich Klartext, in dem er vom „unvermeidlichen Standortwettbewerb“ (der Städte) und der „Herausforderung der Creative Industries“ schreibt.
Womit wir uns endgültig auf dem Terrain des amerikanischen Wirtschaftswissenschafters Richard Florida befinden. Dessen 2002 erschienenes Buch „The Rise of the Creative Class“ erfasste die Umwälzung amerikanischer Städte, deren Prosperität oder Stagnation Florida von der Fähigkeit abhängig machte, eine stimulierende, attraktive Umgebung für die Kräfte einer neuen Arbeiterbewegung zu schaffen: der „kreativen Klasse“. Unter diesem Begriff subsumiert Florida professionelle Musiker, Künstler, Designer ebenso wie Architekten, Forscher, Software-Ingenieure, Entwickler, Journalisten, Werber und andere wissensbasierte Arbeiter. Laut Florida gehören in den USA mittlerweile über 30 Prozent der Berufstätigen zur kreativen Klasse, die rund 50 Prozent des Bruttosozialproduktes erwirtschaften. Weswegen längst ein globaler Wettbewerb unter den Städten eingesetzt hat, sich nach den Bedürfnissen der begehrten Mitbewohner auszurichten. Denn: Nur Städte und Regionen, die eine große Anzahl von Mitgliedern der kreativen Klasse dauerhaft halten können, wird Wachstum und Zukunft prophezeit. Technologie, Talent, Toleranz – das sind die Faktoren, die laut Richard Flordia die Qualität eines Ortes heutzutage ausmachen. Den Beweis eines toleranten Ortes tritt er dabei u.a. mit einem Gay-Index der Städte an. Auch einen Bohemian-Index hat er erstellt.

„The Rise of the Creative Class“ wurde auch in Wien aufmerksam gelesen. Dass „die Bedeutung der so genannten ‚kreativen Klasse’ ein zentraler Punkt in aktuellen Stadtentwicklungsdiskussionen ist“, sagt auch Wiens Bürgermeister Michael Häupl mittlerweile so. Im Vorwort des „Look/Book“, des Leistungskatalog von depature, einer Tochtergesellschaft des Wiener Wirtschaftsförderungsfonds. Über 7,2 Millionen Euro hat departure in drei Jahren an 89 Projekte vergeben. Zur Etablierung und Stärkung des Wirtschaftsfaktors „Creative Industries“ in Wien. Mode, Multimedia, Design, Musik – mit hohen fünf- und sechsstelligen Beträgen wird hier jeweils Geld in ein Segment an Leuten investiert, ohne das die interessante Stadt Österreichs 2015 nicht auskommen wird. Ein Vergleich mit Linz ist daher angebracht. Immerhin gilt es Leute zu halten bzw. anzuziehen, die etwa in Wien einen gut aufbereiteten Boden mit finanziellen Anreizen vorfinden. Wie plant Linz hier Boden gutzumachen?
Die „Creative Industries“ sind auch in Linz längst Thema und genießen im Rathaus offenbar Priorität. Auf ein an den Pressedienst gerichtetes E-Mail mit Fragen zum Sektor Kreativwirtschaft wird prompt prominent reagiert: Susanne Wegscheider, die Linzer Wirtschaftsstadträtin, gibt persönlich am Telefon Auskunft. Von einer „Aufbruchstimmung“ anlässlich des bevorstehenden Kulturhauptstadtjahres berichtet sie, und wie dieses dazu beitragen wird „das lokale Selbstbewusstsein zu stärken“. Mit den Grundsätzen und Mitteln des Wiener depature-Modells konfrontiert, spricht sie aber von einer „anderen Dimension“. Die monetäre Förderung der Kreativwirtschaft passiert in Linz bis dato auf Mietzuschüssen. In drei „Kreativ-GründerInnenzentren“ bekommen Gründer und Jungunternehmer auf befristete Zeit Sonderkonditionen. Konkret schießt die Stadt Linz bei einer maximalen Bürofläche von 40 m2 in drei Jahren maximal 3.168 Euro zu. Wobei die Standorte mit der ehemaligen Lencia Schmuckfabrik im Stadtteil Neue Heimat und der Lederfabrik im Haselgraben dezentral gelegen sind.
Auf die Thesen Richard Floridas angesprochen, verweist Wegscheider auf Diskussionsprozesse innerhalb der Steuergruppe der lokalen „Creative Community“. Diese wird neben Vertretern der Stadt Linz auch von Wirtschaftskammer, Kunstuniversität, Ars Electronica Center und der Architektenkammer gebildet. „Linz ist stolz auf seine kreative Szene, die international bekannt ist“, lautet der offizielle Grundsatz dieser Community in der offenbar die Werber fehlen. Diese würden nämlich angesichts des „unvermeidlichen Standortwettbewerbs“ wohl kaum mit einem verwaltenden, sondern mit einem offensiven Positionierungsslogan aufwarten. Der Linz09-Intendant formuliert in seinem Text für LINZ TEXAS ja auch selbst, dass es gelingen müsse, die Bereiche innovativer Wirtschaft so in der Stadt zu verankern, dass sie den Arbeitsmarkt positiv beeinflussen. „Sie müssen etwa den Abgängern der Linzer Kunstuniversität die Möglichkeit bieten, in der Stadt zu bleiben, statt in die Metropolen zu ziehen.“ Müsse. Müssen. Das klingt nicht gerade nach einer bereits funktionierenden Praxis.
Aufschlussreich wird in dem Zusammenhang sein, wie die Stadt Linz mit dem Gebäudekomplex der Tabakfabrik umzugehen gedenkt. In dem architektonisch einmaligen Industriebau wird 2009 der Produktionsbetrieb eingestellt. Lokale Kultur- und Kreativschaffende sind deshalb mit einem Nachnutzungskonzept „Kulturquartier Tabakwerke“ an die Öffentlichkeit gegangen. Zu den Plänen der Stadt Linz mit der Tabakfabrik wollte bzw. konnte Stadträtin Wegscheider noch nichts sagen. Dass die Kulturquartier-Initiative aber genau von solchen Akteuren ausgeht, um die die Stadt vorgeblich buhlt, hat das offizielle Linz hoffentlich schon erkannt.
Womit der Weg zurück zu Richard Flordia führt, zu den von ihm untersuchten weichen Faktoren, die eine Stadt oft anziehender machen als ein überbordender Karriereteil in der Zeitung (Bestes Beispiel Berlin). Hier gilt es Florida zugute zu halten, dass er die „kreative Klasse“ nicht als neue, domestizierte, auf Neoliberalismus getrimmte Boheme begreift. „Die kreative Klasse ist alles andere als radikal oder nonkonformistisch“, schreibt Florida. Was diese aber nicht daran hindere, eine künstlerische, ja freigeistige Sphäre zu schätzen. Weil auch die Special Edition von Monocle nicht ohne Richard Florida auskommt, durfte er das dort aktuell präzisieren: „Die Energie einer Stadt kommt von der Eigenschaft außerhalb von Normen denken und agieren zu können. Um uns selbst zu verwirklichen, neue Identitäten zu formen, um erfinderisch zu sein. Eine geschlossene Stadt ist eine tote Stadt.“ Anders aber immer noch mit den Worten Floridas gesagt: Nicht immer ist eine Investition in High-Tech-Business oder eine neue innerstädtische Einkaufspassage der effektivste Weg um eine Stadt interessant zu machen – manchmal ist es auch zielführender etwa eine lokale Musikszene zu unterstützen, um an Profil zu gewinnen.
„Tote Stadt“ – diese Bezeichnung hat der niederländische Architekturtheoretiker Roemer van Toorn für Linz gewählt. „Mehr noch: Linz ist Singapur ohne die Todesstrafe“ schrieb er in seinem Beitrag im LINZ TEXAS-Katalog und verglich den Linzer Stadtoberen Franz Dobusch ob seiner ideologielosen Wohlfühlpolitik mit Lee Kuan Yew, den langjährigen Regenten Singapurs. „Die endlose Suburbanisierung nimmt Überhand“, diagnostiziert Van Toorn und verweist auf neue Linzer Vorstädte wie die solarCity. Diese seien „vielleicht als sichere, saubere, effiziente, ordentliche und grüne Orte gedacht, aber es fehlen ihnen alle möglichen, einer Stadt zuschreibbaren Qualitäten. (...) Es mangelt diesen Vorstädten an wirtschaftlicher Attraktivität und stimulierenden kulturellen Unterfangen, und ihre Stadtgestalt und Architektur kann Veränderungen nicht bewältigen.“

Wie und ob es Linz gelingen wird seine Vorstädte und eine zuletzt von Leerstand und „28 Days later“-Stimmung schwer gezeichnete City bis 2015 in die „interessante Stadt Österreichs“ zu verwandeln bleibt angesichts von Einschätzungen wie jener Van Toorns und therapeutischen finanziellen Anreizen spannend. Potenzial ist dieser Stadt weiterhin nicht von der Hand zu weisen. Wohl aber das Gespür dafür, dieses Potenzial auch zu erkennen und entsprechend zu fördern bzw. zu (er)halten. Hinzu kommt: Floridas Empirie hat gezeigt, dass ein Ort dann als „lebendig“ wahr- und angenommen wird, wenn ein vielfältiges, partizipatives (Kultur)Angebot vorherrscht. Die Linzer Spektakelpraxis von Klangwolke bis zu Kronefest mag für den Tagestouristen und Speckgürtelpendler interessant sein, ein Städterbindungsprogramm stellt es nicht dar. All diesen Irrungen und Problemen noch nicht genug, schwebt über dem noch die finale Unklarheit, was genau mit „interessant“ gemeint sein könnte.