Ist Frauenpolitik noch zeitgemäß?

Versorgerin # 74, Juni 07

Ein Nachtrag zur Kopfstand´09 Veranstaltung in Stichworten von Anna Masoner

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Die zweite Frauenbewegung war gestern, an die erste können wir uns schon gar nicht mehr erinnern. Doch was passiert heute und wie geht Mann als Intendant von ´09 damit um, dass manche wehement auf die Aktualität von Frauenpolitik hinweisen und andere sie für ein Auslaufmodell halten?
Anfang April lud die Kulturhauptstadtintendanz im Rahmen der Gesprächsreihe "Kopfstand ´09" in das sky loft des Ars Electronica Centers. Auf dem Podium saß als Moderator der stellvertretende Intendant Ulrich Fuchs. Als Gäste waren Ulrike Hauffe, seit 1994 Landesbeauftragte für Frauen des Landes Bremen und Elvira Tomancok, seit 2003 Frauenbeauftragte der Stadt Linz, geladen.
Die Aktualität von Frauenpolitik stand zur Diskussion. Was beinhaltet Frauenpolitik? Welche Bedeutung kommt Frauenpolitik in Zeiten des Gendermainstreaming noch zu? Wie können junge Frauen heute für frauenpolitische Ziele erreicht werden? Wie sieht der Zugang von Frauen zu Kunst und Kultur aus?

Zu unserer Überraschung war der Titel, nach Auskunft von Ulrich Fuchs, auf Wunsch von Ulrike Hauffe gewählt worden. Warum aber eine Fragestellung, die das Thema Frauenpolitik derart in die Defensive drängt? Allem Anschein nach, eine rhetorische Strategie, denn gleich am Anfang des Gesprächs erklärt Frau Hauffe warum Frauenpolitik höchst zeitgemäß ist. „Solange Macht, Geld, Arbeit und Zeit nicht gleich verteilt sind, solange brauchen wir Frauenpolitik.“ Besonders die Gleichstellungspolitik am Arbeitsmarkt stellt für Frau Hauffe ein zentrales Thema dar, da Frauen stärker von der vielzitierten Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse betroffen seien. Frauen arbeiten zu einem großen Anteil in Teilzeitarbeitsverhältnissen. Die Einkommensschere beträgt in Österreich ca. 22 Prozent. Frauen verdienen bei gleicher Arbeit, Position und Arbeitszeit nur etwa 78 Prozent vom Gehalt ihrer männlichen Kollegen. Ganz zu schweigen von der Einkommensschere die dadurch auseinanderklaftt, dass es eine geschlechtsspezifische Segregation zwischen Berufen, Betrieben und Positionen gibt, und die Einkommensstruktur durchgängig männlich dominierte Berufe und Arbeitsplätze favorisiert.

Ulrike Hauffe plädierte außerdem für eine Sensibilisierung von Genderthemen in Jugendprojekten („Öffentlich geförderte Einrichtungen sind Jungseinichtungen“). Sie argumentierte gegen die Vorstellung ein System funktioniere neutral, insbesondere geschlechtsneutral („Wirtschaftsförderung müsse auch die erreichen, die eine andere Denke haben“) und tritt dafür ein, dass Gleichberechtigung stärker gesetzlich verankert sein muss. („In den USA müssen alle Firmen, die öffentliche Aufträge haben wollen, sich auf bestimmte Formen der Gleichstellung einlassen.“)

Ulrike Hauffe appelliert an die ´09 Intendanz insbesondere strukturell dafür zu sorgen, dass Frauen in Kunst-und Kulturprojekten in gleicher Zahl erreicht und eingebunden werden, wie Männer. Elvira Tomancok richtet die Frage an das ´09 Team welche Strategien angedacht und eingesetzt würden um Frauen in die Kulturhauptstadtprojekte zu involvieren. Gleich vorne weg, von Ulrich Fuchs bekommt sie während der Diskussion keine befriedigende Antwort darauf.

Das ´09 Team fiel in der Vergangenheit nicht gerade durch Sensibilität und Kompetenz in Sachen Frauen- oder Genderthemen auf. Dieser Eindruck verhärtete sich als gleich zu Beginn der Veranstaltung Ulrich Fuchs damit für Heiterkeit gesorgt hatte, dass er Vizebürgermeister Erich Watzl, als einzigen mit Namen und, als "Freund der Frauenbewegung" begrüßt. Lag da eine Verwechslung vor oder hatten wir uns einfach verhört? Bisher ist Herr Watzl jedenfalls nicht gerade damit aufgefallen, dass er seine "Freundschaft" auch in Tat und Politik umzusetzt.

Martin Heller hatte zu Antritt seines Postens damit aufhorchen lassen, und war damit nicht nur beim Verein fiftitu% angeeckt, dass für ihn die Einführung einer Frauenquote bei der Vergabe von Projekten kein Thema sei. Für ihn ginge es ganz allein um die Qualität der Projekteinreichungen. Hatte er damit nicht vielleicht übersehen, dass Quote und Qualität sich nicht gegenseitig ausschließen?

Die Kopfstandveranstaltung war sicherlich dafür konzipiert, für das ´09 Team einen Imagewechsel einzuleiten. Dafür dass die zwei Personen an der Spitze des Teams Männer sind, können die Betroffenen selbst herzlich wenig. Soviel ist klar. Für die Zusammenstellung des Teams allerdings sehr wohl. Also: Cherchez la femme im 09 Team. Wie Ulrich Fuchs im Gespräch richtig anmerkt, ist das Team 09 weiblich dominiert. Von den 30 MitarbeiterInnen sind 19 weiblich. Die Frage nach den Frauen in Führungspositionen, nennt er zwar wie aus der Pistole geschossen, eine Frau, allerdings nur eine einzige. Es handelt sich um die Leitung von Marketing und Sponsoring, laut Fuchs, einer Sparte, die traditionell männlich besetzt ist. Nun sollte frau Herrn Fuchs wahrscheinlich erwidern, dass gerade Marketing und PR eigentlich „typische“ Frauenbereiche sind und – obwohl frau ja nicht kleinlich sein will – eine Frau in Führungsposition noch keine Gleichberechtigung macht. Denn auf eine Frau kommen, das Intendantenteam eingeschlossen, sechs Männer.

Feminismus ein No-Wort in der jüngeren Generation? Während der ganzen Diskussion war besonders aus dem Mund von Ulrike Hauffe immer wieder von den Frauen die Rede. Doch wer sind die Frauen eigentlich? Besonders in der jüngeren Generation (bei den Frauen unter 40, nach Frau Hauffe) kommt da ein Unbehagen auf, wo das Label Frau zur Einheitskategorie wird. Feministinnen unserer Generation, der twenty something, wehren sich gegen essentialistische Zuschreibungen wie sie teilweise aus dem Munde von Ulrike Hauffe und Elvira Tomancok zu hören waren. Es gibt Unterschiede zwischen Frau und Mann, das soll hier nicht geleugnet werden. Doch die Überbetonung der Unterschiede zwischen Frau und Mann geht auf Kosten der Unterschiede innerhalb der Gruppen von Frauen und Männer. Männer und Frauen mögen vielleicht wie Frau Hauffe anmerkt andere Definitionen von Kultur und andere Anforderungen an eine Kulturhauptstadt haben („Frauen definieren Kultur vor allem als Lebensqualität“). Doch genauso unterscheiden sich die Bedürfnisse von Frauen unterschiedlicher Generationen oder unterschiedlicher kultureller Hintergründe. In punkto strukturellen Problemen ist frau aber sehr wohl sensibel. Auch wenn die Kategorie Frau als solche unhinterfragt nicht akzeptiert wird, lassen Facts zu Fragen der Arbeitsmarkt- oder Familienpolitik sehr wohl aufhorchen und Handlungsbedarf aufkommen.

Fazit:
Wir brauchen Frauen- oder Genderpolitik heute so dringend wie vor 30 Jahren. Es hat sich zwar in der Zwischenzeit einiges getan, was die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern anbelangt. Es genügt jedoch nicht die Parole Gendermainstreaming auszurufen und sich auf ihr auszuruhen. Denn noch werden bei Bewerbungsgesprächen Frauen nach ihrer Familienplanung befragt, Männer aber nicht. Noch ist Armut vor allem weiblich und sind Frauen in Führungspositionen eine Rarität.