Wäscheleinen im globalen Dorf

Versorgerin # 74, Juni 07

Eugenie Kain über Kontinuitäten und Brüche des Lebens in Linz.

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„Lebt wieder in Linz“. Was heißt das? Hat schon einmal in Linz gelebt, muss dann woanders gelebt haben, lebt wieder in Linz. Warum? Ist dieses „wieder“ jetzt endgültig? Nein.

Lebt derzeit in Linz – Diese Zeitangabe im Lebenslauf war wichtig. Ich legte Wert darauf, mit dieser Formulierung ein Schlupfloch in Metropolen und Megacities schwarz auf weiß in der Biographie mitzuführen. Jahrelang. Bis es mir eines Tages lächerlich erschien. Ein „derzeit“ lässt sich nicht endlos dehnen, es verliert, wenn es jahrelang an den selben Ort geknüpft ist, an Elastizität und damit an Durchlässigkeit.
Nur „lebt“ ist aber keine Kategorie für eine Biographie. Also gebe ich jetzt an „lebt in Linz“, in vollem Bewusstsein, dass diese Angabe missverständlich ist.
Linz ist nicht die Welt und die Welt ist nicht in Linz. Darüber hinaus wird im globalen Dorf die Welt zur Stadt. Deshalb gibt es nur mehr einen Ort für die Welt: Die Welt ist in mir. Es spielt keine Rolle, ob ich in einer Stadt lebe, in der ich mit der Straßenbahn in einer guten Stunde das andere Ende der Stadt erreiche oder in einer Stadt, in der zwei U-Bahnstationen so weit auseinander liegen wie die Haltestelle St. Magdalena in Urfahr und die Haltestelle Lohnsdorferplatz im Franckviertel.
Lebt in Linz. Als Kind erlebte ich die Sprengung der Wollzeugfabrik beim Kastanienklauben. Zwei, drei, vier dumpfe Donnerschläge und die Kastanien im verwaisten Gastgarten des Hotel Achleitner in Urfahr prasselten von den Bäumen und in Linz an der Gruberstraße geriet das barocke Gemäuer der Wollzeugfabrik, der ersten Manufaktur der K. u. K.-Monarchie ins Wanken. Dieser Herbst war auch der letzte für das Hotel Achleitner und seinen stillen Gastgarten. Das Gasthaus „Zur Stadt Budweis“ war bereits verschwunden und neu entstanden ist ein scheußlicher Nicht-Ort mit einer noch scheußlicheren Unterführung, einer der hässlichsten Orte von Linz, der sich im Übrigen auch als Hillinger-City dokumentieren ließe. Als Kind erlebte ich auch die Vertreibung aus dem Paradies. Von einer schönen Wohnung in einer Villa am Rande der Heilhamer Au mussten wir in ein schnell hingestelltes Hochhaus übersiedeln, denn die Villa wurde abgerissen und die Au abgeholzt, und der Heilhamerweg und die Resselstraße mit allen Häusern, Gärten, Wiesen, Bienen und Regenwürmern weggewalzt, weil die Voest-Brücke Raum brauchte. Was neue Straßen bedeuteten, erfuhr ich auch andernorts. Meine Kindersommer verbrachte ich in Bad Goisern bei den Großeltern. Sie wohnten hoch oben am Hang, im letzten Haus des Ortsteiles Posern. Hinter dem Haus war der Wald, dunkel und rauschend bis zum Felsenband der Ewigen Wand und weit darüber hinaus. Mit der Großmutter auf der Hausbank im Schatten eines Fliederstrauchs sitzend erfuhren wir die Schreckensnachrichten aus dem Tal. In den ersten Jahren nach der Eröffnung der Umfahrung Bad Goisern starben in Posern ein Großteil der Alten keines natürlichen Todes. Jahrelang waren sie, im Sommer mit dem Stock, im Winter mit dem Schlitten, immer mit Rucksack, zum Einkaufen in den Ort ausgerückt. Jetzt kreuzte die B145 ihren Weg. Die Überquerung der neuen Bundesstraße überlebten sie nicht.

Lebt in Linz: Derzeit bedeutet das einmal mehr: lebt inmitten großer Baustellen und Schutthalden und vermutlich werden es noch mehr. Spitäler wurden weg geschoben, verwertbare Teile heraus gefieselt, Gemäuer zerkrümelt und zermalmt. Ein Schuttgebirge hat den Platz des UKH eingenommen, ein anderes den Standort der Frauenklinik. Hier verschwanden auch die Buchen, die Blutbuchen, die Linden und die Schattenbänke; der gesamte Park der Klinik musste weichen, geblieben ist ein Schuttfeld. Es entstanden neue Perspektiven: Der ungehinderte Blick auf die Südfassade der Tabakfabrik. Klinker und Glas, sanft geschwungen, funktionell, schön. Klassische Moderne, erst jetzt als ganze Achse einsehbar. Oder der Blick vom ehemaligen Frachtenbahnhof über die Gleise der Westbahn zum Franckviertel, zur Chemie und zur Voest. Einmalig und ein ganz seltener Anblick in der Stadt dieser leere, offene Raum bis zu den Gleisen der Westbahn und dann graue Eisenbahnerhäuser mit bröckelndem Verputz hinter Lärmschutzwänden der Bahn, daneben mit kräftig-buntem Sichtschutz vor gläsernen Fronten die jüngsten Beispiele sozialen Wohnbaus der Koref-Siedlung und darüber die Rauch- und Dampfwolken Installation der Industrie, weiß, gelb, rosa, grau, in jeder Höhe und in sich ständig verändernden Formen. Diese Sicht über freie Flächen ist temporär. Bald werden sich neue Hochhäuser in den Himmel türmen und neue Blickwinkel vorgeben.
Andere Baustellen verstellen die Sicht. Und selbst wenn das Gebäude, das hier einmal entstehen soll, zum Teil in der Erde verschwinden wird, löst der Anblick der Baustelle ein ungutes Gefühl aus, dasselbe Gefühl übrigens, das sich nach Fertigstellung der Hochwasser-Schutzmauer in Alturfahr West als störender, zerstörender Eingriff im Linzer und Urfahraner Stadtbild manifestierte. Etwas Unerträglicheres als die Baustelle vor der Stadtwerkstatt gibt es derzeit in Linz nicht. Unter der Woche dröhnen die Bagger und Bohrer, Hämmer und Laster. Große Schaufeln und schwere Gewinde wühlen und schlagen sich mit Getöse und Erschütterung in die Erde. Das gibt im schalldichten Studio von Radio Fro Erklärungsbedarf: Der Verkehrslärm im Hintergrund kommt von der Donaulände, weil das eingespielte Interview im Stifterhaus aufgenommen wurde, die Musikfetzen kommen vom Urfahraner Markt, das Kreischen, Gellen und Wummern und der Motorenlärm von der AEC-Baustelle vor dem Haus, hallo, ich hoffe, die Hörerinnen von Radio Fro und dem freien Radio Freistadt hören auch die Sendung... Den Gästen des Café Strom nimmt die Baustelle die Sicht auf die Donau, auf das Lentos, auf die Skyline von Linz. In die aufgerissene Erde hinein wird das AEC erweitert mit Ausstellungsräumen und Veranstaltungsflächen und das Gebäude als Gegenpol zum Lentos wird zur Lichtskulptur. Bis das Museum der virtuellen Zukunft die reale Baugrube ausfüllt, wird noch viel Wasser die Donau hinunterrinnen, noch mehr Staub aufgewirbelt und viel Lärm produziert werden. Starke Nerven der Stadtwerkstatt und allen AnrainerInnen !!!
Die Kulturhauptstadt 2009 gibt es nicht umsonst und deshalb werden Bagger, Kräne, Kipper und Betonmischer in Marsch gesetzt um Schneisen zu schlagen, Perspektiven zu ändern und Neues entstehen zu lassen: AEC, Oper, Hotels, Tiefgaragen, Parkplätze. Die erwarteten Massen der Kulturstadt-Interessierten brauchen Platz, Unterkunft und Abstellflächen.
1800 brannten das Schloss, das Landhaus und ein großer Teil der Altstadt. Dieser Brand gab Anlass zur Stadterweiterung. Der Stadtgraben wurde zugeschüttet, die Stadtmauer geschliffen und der Hauptplatz durch die Schmidtorstraße mit der Landstraße verbunden. 1868 rammte ein Schiff einen Pfeiler der damals noch hölzernen Donaubrücke. An Stelle der hölzernen Brücke wurde eine eiserne gebaut. Deren Pfeiler veränderten die Strömung der Donau. Der Fabriksarm, ein Nebenarm der Donau, verlandete. Linz erhielt einen Ringkanal und auf der Strasserinsel, die jetzt keine Insel mehr war, ein Naherholungsgebiet, von dem Bäume im Parkbad geblieben sind.
Als Führerstadt erhielt Linz bei der Stadterweiterung besondere Beachtung und neben den Hermann-Göring-Werken die Nibelungenbrücke, eine neue Nordfront für den Hauptplatz und Wohnbau in Form von Vierkantern auf den grünen Wiesen am Stadtrand von Urfahr und Linz – und durch die Bombardierungen wieder Schuttberge und freie Flächen.

Lebt in Linz heißt lebt mit relativ niedriger Miete in einem dieser Vierkanter, die jetzt nicht mehr Hitlerbauten sondern GWG-Bauten genannt werden. Im Hof stehen ein Nussbaum und zwei Linden, eine Trauerweide und zwei Kastanien. Außerdem hat jede Stiege ihren Wäscheplatz und die Kinder im Sandkisten-Alter sind vom Verkehr abgeschirmt wie die Katzen, solange es ihnen nicht einfällt, das Revier zu wechseln. Die Bewohnerstruktur ändert sich. Jetzt sitzen auch Kinder mit dunklen Gesichtern auf der Schaukel und den Mistkübel leeren auch Frauen mit Kopftuch aus.
In Wien ist in Gemeindebauten das Aufhängen von Wäsche im Freien verboten. In Linz nicht. Deshalb gibt es Ärger. Es herrschen Regeln, die heutzutage in keiner Hausordnung mehr zu finden sind, aber immer noch gelten. Wer seine Wäsche aufhängen will, muss zuerst einmal „markieren“, das heißt, die leere Wäscheleine aufhängen. Vor Einbruch der Dunkelheit ist die Wäsche wieder von der Leine zu holen und die Leine von den Balken. Benützen darf man nur den Wäscheplatz vor der eigenen Stiege, auch wenn alle anderen leer sind oder noch nicht im Schatten liegen. Im Idealfall ist die Leine mit speziellen Latten hoch zuspreizen, damit niemand in die Leintücher rennt. Und dann passiert es, dass eine alte Nachbarin von der Nebenstiege in unsere Leine rennt, die auf „ihrem“ Wäschplatz hängt, weil dort noch kein Schatten ist. Sie sieht schlecht. Sie übersieht, dass Geschirrtücher und Waschlappen auf der Leine hängen. Sie sieht sich im Recht. Sie läuft ins Haus, kommt nach kurzer Zeit wieder heraus, holt aus der Kleiderschürze eine Schere und schneidet die Wäscheleine durch. Dann bringt sie die Schere zurück und schaut triumphierend aus dem Fenster.
Mit der Welt ist auch das Wissen um das Aufeinanderwirken von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und das Wissen um Kontinuitäten und Brüche in mir. Das ist es, was eine Stadt und das Leben in der Stadt spannend macht.
Ich lebe in Linz ohne sichtbares „derzeit“ aber mit dem festen Vorsatz, meine Wäscheleine jederzeit auch an anderen Orten aufzuhängen.