Tanja hat geweint

Versorgerin #72, Dezember 06

Zigeunerschlösser, Giftler im Rosenstüberl und das Hauptstadtjahr. Eine Befürchtung. Von Walter Kohl.

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Tanja hat geweint. Rotz und Wasser heulte sie heraus. Eine Freundin hielt sie im Arm, Frau Kiesbauer spendete heuchlerischen Trost, wir vor den Bildschirmen waren zufrieden, weil in der zweiten Sendung schon das Versprochene eingelöst wurde: Die „Tränen-Garantie“. Die Rede ist vom ORF-Spektakel Starmania, welches derzeit um Quoten kämpft. Tanja und Andy und Nadine und die anderen hübschen jungen Menschen trällern Popsongs, die nichts mit ihnen und mit mir zu tun haben. Es geht dabei nicht um Unterhaltung mittels Schlager und Pop. Es geht nicht darum, dass sich diese armen unbedarften jungen Wesen lächerlich machen zu unserem Gaudium. Der Hauptzweck dieses TV-Formats ist folgender: Auf der gefühligen Ebene muss sich etwas abspielen, und zwar mit einer derartigen Intensität, dass sich das Hirn ganz von alleine ausschaltet.

Was hat das mit dem europäischen Hauptstadtjahr zu tun? Genau das, was Starmania oder Dancing on Ice oder Deutschland sucht den Super-Hund bezwecken, das bezweckt auch eine Einrichtung wie „Kulturhauptstadt“. Es soll sich ordentlich was abspielen, und zwar im Gefühligen. Reflexives, Sperriges, Darbietungen, die vom Publikum die Verwendung des Gehirns fordern, sind eher nicht gefragt. Casting-Shows und Hauptstadtjahr-Events sollen in letzter Konsequenz bewirken, dass wir, die Konsumenten, uns auf diffuse Art besser fühlen. Weil wir bei etwas dabei gewesen sind, von dem wir gar nicht einmal sagen können, was es jetzt eigentlich war. Weil wir etwas erlebt haben, von dem wir aber nicht erzählen können, weil uns nichts Erzählenswertes im Gedächtnis bleibt.
Die entscheidende Parallele zwischen dem europäischen Kulturhauptstadtjahr und einer Casting-Show im Trash-TV (damit ist auch der ORF gemeint) ist folgende: Das, was wirklich zählt, das, worauf es einzig und allein ankommt, das wird völlig ausgeblendet, das wird vor uns, dem umworbenen Publikum, mit höchster Schamhaftigkeit verborgen gehalten. Das, was zählt, ist die Quote.
„Kulturhauptstadtjahr“, das ist eine EU-Erfindung zur Beförderung von Tourismuswirtschaft und Stadtmarketing. Seit ein paar Jahren ist es auch eine Therapie. Sie soll Balsam auf die Seelen jener Städte schmieren, die darunter leiden, ständig im Schatten dominanter Metropolen zu stehen. Die Auswahl der „Hauptstädte“ erhärtet den Verdacht. Wenn Sie, werte Leserin, werter Leser, im Zusammenhang mit Kultur an Griechenland denken, oder an Irland, Italien, Frankreich, Österreich, Portugal, Spanien, fällt Ihnen da Patras als erstes ein, oder Cork, Genua, Lille, Graz, Salamanca, Porto, Santiago de Compostela? Sicher nicht, oder? Es waren diese Städte jedoch kulturelle Hauptstädte des Kontinents in den vergangenen Jahren.

Linz ist da ein denkbar gut geeigneter Kandidat. Die einstige Schmuddelstadt mit Voest und Chemie, die Raststation zwischen Wien und Salzburg in der Perspektive von Kulturtouristen, die knallharte Gang- und Drogen-Kleinstadt in der Beschreibung deutscher Rapper, die braucht diesen Balsam. Es ist das ultimative Heilmittel zur Behandlung jener Phobie, die Linz antreibt mit großer Kraft: Die Angst davor, Provinz zu sein. Dabei ist es eine dumme Angst, ja, eine kontraproduktive. Sie entspringt Kleinmut und geringer Selbst(ein)schätzung.
Diese Angst übersieht, dass es genau der Geruch der Provinz ist, der über alle Moden und Hypes hinaus Bestand haben wird. Im Falle Oberösterreichs wage ich jede Wette, dass in hundert Jahren nur eine Kunst von der heutigen geblieben sein wird: Jene von Thomas Bernhard, und da mieft aus allen Ecken und Enden der Duft von Gummistiefel und Wetterfleck und Misthaufen heraus. Die Provinz also.
Weltläufigkeit, Welthaltigkeit, das ersehnen die Kulturmacher und Kulturmanager und Kulturpolitiker in vermeintlichen Provinzen. Sie stemmen sich hoch mit anstrengenden Klimmzügen, um ein wenig über den Tellerrand hinaus schauen zu können, und übersehen dabei zweierlei. Zum einen, das sie selbst drinnen bleiben im Tellerchen. Und zum zweiten, dass sie in die falsche Richtung blicken. Sie bräuchten sich bloß umzudrehen, dann würden sie bemerken, dass eh alles da ist.

Das erste bekannt gewordene Großprojekt von Linz09 lässt befürchten, dass man mit aller Gewalt den Willen zur Weltläufigkeit unter Beweis stellen wird. Die bisher publizierten Vorprojekte sehen in ihrer Mehrheit aus wie ein strategisch geschickter Schachzug der Hauptstadtjahr-Macher. Sie binden lokale Szenen und Gruppen ein, lassen ihnen ein bisschen was zukommen vom großen Förderkuchen, und ersparen sich damit das, was Wolfgang Lorenz, den Grazer Hauptstadtjahr-Macher von 2003, hartnäckig verfolgt hat und den Glanz seiner Intendanz doch ein wenig getrübt hat: Fundierte und berechtigte Kritik der lokalen Kunstschaffenden. Die Linzer freie Szene sollte sowieso aufmerksam nach Graz schauen. Diese „Kulturhauptstadt Europas“ hat 2003 Förderungen für lokale Institutionen gekürzt, sie hat die Kulturbudgets seither eingefroren, und jüngst hat sie für die Zukunft Kürzungen von 17 Prozent angekündigt.
Das angesprochene Linz09-Großprojekt zielt punktgenau in Richtung Gefühligkeit und Event. Die Rede ist von Hubert von Goiserns Schiffsreise gegen Osten. Zum Projekt selbst fällt mir nicht viel ein. Crossover-Unternehmen von Pop und Balkan nennt man anderswo mittlerweile spöttelnd „die Balkanschublade“. Ärgerlich war die Art, wie das Projekt neulich im Theater Phönix präsentiert wurde.
Da triefte es von Klischees. Da war von den zünftigen Balkan-Musikanten die Rede, die so toll „aus dem Bauch“ spielen können. Da kam natürlich der Pferdewagen auf der Autostrasse ins Bild, die auf dem Dorfplatz tanzende Hochzeitsgesellschaft, und die alte Bäuerin in der – natürlich grauen – Großstadt, die ihr Gemüse auf dem Gehsteig verkauft. Da klagte der Goiserer Musikant, wie schwer das Organisieren im Osten ist, weil „die dort“ halt so unpünktlich und unzuverlässig und schlampig und korrupt sind. Der peinlichste Moment: Hubert von Goisern erzählte von “Zigeunern“. Genau dieses Wort verwendete er. Auf seinen Reisen in den Osten ist ihm nicht aufgefallen, wie katastrophal schlecht es den Sinti und Roma geht. Das einzige, was ihm berichtenswert erschien: Er hat ein Dorf aus lauter neuen Schlössern gesehen, welche sich „reich gewordene Zigeuner“ gebaut haben.
Sinn des Musikschiff-Projekts soll sein, die „Gegend zu erfahren und zu erspüren“. Reale Gegebenheiten sind dabei wurscht – bis hin zur arroganten Praxis, im gesamten Werbefilmchen für das Projekt konsequent die diakritischen Zeichen bei slawischen Namen weg zu lassen. Ich fürchte, so wird das ganze Hauptstadtjahr werden. Großprojekte werden Befindlichkeiten „erspüren“, aber wenig über Verhältnisse erzählen. Am Osten interessiert das malerische „Fremde“ und nicht so was Banales wie jene österreichische Holzfirma, die via EU Druck auf Rumänien macht, seine Gesetze zu ändern. Damit auch dort „Forststraßen“ entstehen, die zum westlichen Holzverarbeitungs-Fuhrpark kompatibel sind.

Meine Befürchtung ist, dass Linz09 ein schiefes Bild von Linz produzieren wird. Die Rosenstüberl-Retro-Events im Designcenter fallen mir dazu ein. Dort hopsen lustig verkleidete ältere Leutchen zu netten Rock-Hadern aus den Fünfzigern herum. In meiner Erinnerung war das Rosenstüberl in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern erste Linzer Anlaufstelle für sehr harte Rockmusik und für Drogen. Bei uns Bauernburschen auf dem Lande kursierte ein Geheim-Tipp: Im „Ro“ musst warten, bis eine Razzia ist. Wenn die Kieberer wieder weg sind, findest du in den Ritzen der Plüschbänke massenhaft Shit und Trips, versteckt von den Giftlern. Und ich habe mehrmals im „Ro“ sehr handgreifliche Auseinandersetzungen zwischen einheimischen und jugoslawischen Jugendlichen erlebt. Später dann war meines Wissens das Rosenstüberl (unter anderem Namen) der erste Linzer Swinger-Club.
Wahrscheinlich war das Rosenstüberl alles: netter Fünfziger-Jahre-Tanzpalast und Drogentreff und Swinger-Club. So wie Linz mehr ist als aufstrebende Kulturstadt und High-Tech-Mekka. Nämlich auch die einstige Lieblingsstadt des Führers, und Stadt mit hohem Migranten-Anteil, brummender Wirtschaftsstandort mit Prekariat erzeugender Dynamik und Stadt mit viel „Unterschicht“. Ist ja gut so, Vielfalt heißt Lebendigkeit. Das Problem ist nur, dass die Macher und Politiker zu Linz alles ausblenden, was nicht Hochglanz ist, so wie die „Ro“-Nostalgiker das Schmuddelige und die Giftler und die Schlägereien mit den „Tschuschen“ ausblenden.
Zum Schluss eine Anmerkung in eigener Sache. Ich bin Mitglied in einem Verein, der ein Projekt eingereicht hat zu Linz09. Ob es angenommen wird, ist noch nicht entschieden. Ich bin mir dessen bewusst, dass meine Funktion als kleiner regionaler Künstler, sollte das Projekt angenommen werden, keine andere ist als jene von Tanja und Tom und Mario bei Starmania. Wir sind schlecht bezahlte Zulieferer, Lieferanten von Content zu einem Ereignis, bei dem dieser Content Nebensache ist.
Hauptsache ist die Quote. Hauptsache ist Umwegrentabilität. Hauptsache sind Gewinne. Wobei die Gewinner nicht jene sind, die als solche bezeichnet werden. Die Gewinner sind im Falle von Starmania nicht Tanja oder Tom oder Ric oder Nadine. Die Gewinner sind jene Mehrwertnummer-Abkassierer, die allein aus dem „Voting“ via Handy angeblich einen Umsatz von fünf Millionen Euro produzieren. Gewinner ist natürlich der ORF, der mit einer vergleichsweise billigen Produktion Quote macht, was sich in Werbe-Erlösen niederschlägt. Die Gewinner sind im Falle des europäischen Kulturhauptstadtjahres die gut bezahlten Verwalter und Macher, moderne urbane Nomaden, die im Drei-, Vier-Jahres-Takt von Großereignis zu Großereignis ziehen. Die Gewinner sind der Einzelhandel und Verkehrsbetriebe und Hotelbesitzer und Gastwirte und Restaurantbesitzer. Nicht bei den Gewinnern sind: Die Kunst. Die Kultur. Und natürlich nicht: Die Künstler. Aber die sind das eh gewohnt.

Walter Kohl, geboren 1953 in Linz, seit Ende 1996 freier Schriftsteller, Mitglied der GAV. Schrieb mehrere Bücher (zuletzt: „Auch du hast eine Mutter“, Edition Geschichte der Heimat, Grünbach 2005; „Good Hope“, Bibliothek der Provinz, Weitra 2004; „Senna lebt“, Resistenz-Verlag Linz-Wien 2004; „Fuck off, Koff“, Oetinger-Verlag, Hamburg 2004; „Ich fühle mich nicht schuldig“ - Georg Renno, Euthanasiearzt. Zsolnay, Wien 2001 und Steidl, Göttingen 2002). Verfasser von Theaterstücken (zuletzt „ritzen“, aufgeführt von 2002 bis 2006 in Hamburg, Leipzig, Aachen, Greifswald, Halle/Saale, Dornbirn, Graz u.a.; „Pia E.“, aufgeführt in Hartheim 2002; „Der große Rosengartenschwindel“, UA Jänner 2005 Linz; „Talfahrt“, UA Dezember 2006 Kulturhaus Remise Bludenz)