Einfach schreiben lassen

Versorgerin # 69, März 06

Ein Projektvorschlag für 09 von Eugenie Kain

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Artikel

Bei der Krimiserie Columbo gibt es besonders viele Mörder und Leichen im Schriftstellermilieu. Der Inspektor schlurft dann an teuren Sportwägen vorbei zu den noblen Villen von Beverly Hills, um das Verbrechen aufzuklären und dem Mörder das Handwerk zu legen. Auch im Tatort und beim Alten werden hie und da Autoren umgebracht und auch hier haben sie schöne Frauen, teure Autos und einen Agenten fürs Geschäftliche. Nie werden im Fernsehen arme Poeten zu Mördern oder
Mordopfern. In der Wirklichkeit der Serienkrimis gibt es keine armen Dichter. In der anderen Wirklichkeit haben die armen Dichterinnen und Dichter die Mehrheit. Die Frage nach Grundeinkommen für Literaten stellt sich im Fernsehen nicht und auch in der anderen Wirklichkeit nur vereinzelt.
Grundeinkommen für Literatinnen und Literaten? Was denn nicht noch alles. Gibt eh schon eine Nobelpreisträgerin.
Die AutorInnen selbst sind zu sehr mit dem Schreiben, der Verlagssuche dem Geldaufstellen, dem Förderungsantragausstellen und dem Slalom zwischen Finanzamt und Pflichtversicherung beschäftigt um auch noch Forderungen nach einem Grundeinkommen zu formulieren.
Peter Landerl weist in seinem Buch „ Der Kampf um die Literatur. Literarisches Leben in Österreich seit 1980“, erschienen 2005 im Studienverlag Innsbruck, darauf hin, dass Literatur und Literaturbetrieb in Österreich insgesamt mit ca. 13 Millionen € im Jahr gefördert werden, Literaturhäuser und Verlagsförderung, Bund, Land, Gemeinden inklusive. Das ist im Vergleich zu den Förderungen für die darstellende Kunst ein verschwindend niedriger Betrag und auch um einiges niedriger als die Fördermittel für bildende Kunst.
Rund 3600 Autorinnen und Autoren leben in Österreich. Es gibt 100 Verlage. Pro Jahr erscheinen 400 Bücher. Der Bund vergibt jährlich 20 Staatsstipendien und 20 Projektstipendien in der Höhe von 13 200€ (1100€ pro Monat). Das Robert Musil Stipendium wird alle drei Jahre für maximal drei Jahre an drei AutorInnen vergeben. Höhe: 1400€ im Monat. Auch die Bundesländer vergeben Stipendien. Das Adalbert Stifter Stipendium in Oberösterreich zum Beispiel wird jährlich an jeweils 2 AutorInnen vergeben und hat die Höhe von 6500€. Dazu gibt es einmalige Unterstützungen wie Werks- Arbeits- oder Reisestipendien, ebenfalls in der Höhe von 1100 € im Monat.
Beim Schreiben ist ein Jahr schnell um. Eine Faustregel besagt, dass man für 100 Seiten rund ein Jahr braucht, wenn gut recherchiert, in Ruhe geschrieben und in Ruhe überarbeitet werden soll. Als längerfristige Förderung gibt es aber nur das Robert Musil Stipendium.
Die Förderungen werden von Jurys vergeben. Anspruch auf Staatsstipendium gibt es natürlich nicht. Vom Verkauf ihrer Kunst werden AutorInnen in der Regel nicht reich, meist können sie davon auch nicht leben. Erscheint ein Buch, bekommen sie pro verkauftem Exemplar in der Regel 10 Prozent. Als Bestseller gilt in Österreich ein Buch mit einer Auflage von mehr als 5000 Stück. Für die Arbeit von zwei bis drei Jahren gibt es also im besten Fall für ein 200-Seiten Buch eine Brutto-Einnahme von 1000 €. Dazu kommen Lesungen. Die IG Autoren und Autorinnen empfiehlt als Mindesthonorar für eine Einzellesung 300 €, für eine Lesung in der Gruppe 215 €.
Über den Daumen gerechnet bedeutet das, dass man in Österreich als SchriftstellerIn meist an der Armutsgrenze dahindümpelt. Zum Leben kann es sich vielleicht gerade noch ausgehen, alles andere, auch das Bücherkaufen in der Buchhandlung, das Verreisen oder gar das Auto wird zum Luxus.
Wie überleben SchriftstellerInnen in Österreich? Ein hoher Prozentsatz ist mit LehrerInnen verheiratet. Die meisten haben nebenbei noch das eine oder andere prekäre Arbeitsverhältnis. Nebeneinkünfte ergeben sich aus „berufsnahen“ Jobs wie Journalismus, Leitung von Schreibwerkstätten, freie Mitarbeit in Werbeagenturen, Korrekturarbeiten etc. Auch das Versichern ist schwierig. Seit der allgemeinen Versicherungspflicht für KünstlerInnen ist die Versicherung der gewerblichen Wirtschaft auch für AutorInnen zuständig. Um einen Zuschuss zur Pensionsversicherung zu bekommen, darf das Einkommen eine bestimmte Höhe nicht über- aber auch nicht unterschreiten. Glücklich ist, wer verheiratet ist, und sich mitversichern kann. Für alle, die einer zusätzlichen Arbeit nachgehen, um sich das Schreiben leisten zu können, heißt es aufpassen. Es kann sein, dass sie über das Asvg versichert sind, ihnen aus einem freien Dienstverhältnis eine zweite Versicherungspflicht erwächst und dann trotzdem noch die Versicherung der gewerblichen Wirtschaft wegen Einnahmen aus der literarischen Arbeit die Hand aufhält.
Für Außenstehende mag das alles langweilig klingen. Für Betroffene ist es mindestens so anstrengend wie einen Antrag für ein länderübergreifendes Eu-Projekt auszufüllen oder sich ein Projekt für das Festival der Regionen aus dem Hirn zu zuzeln. Denn die Kulturförderung nimmt keine Rücksicht auf die speziellen Arbeits- und Produktionsbedingungen von Autorinnen und auch nicht auf das Ergebnis ihrer Arbeit. Lange Texte lassen sich nicht auf Landschaften und Häuser projizieren oder in Wiesen mähen. Der Kontakt zwischen Autor/in und Publikum stellt sich her durch Schreiben und Lesen bzw. Zuhören. Mehr braucht es nicht. Und schon droht das Jahr 2009. Linz wird Kulturhauptstadt und jetzt müssen die Projekte eingereicht werden. Zumindest im Bewerbungspapier ist Literatur nicht groß vorgekommen. Genua bekam ein Poesiefestival, Graz ein Literaturhaus, wie in Cork sind jetzt auch in Patras die Geschichtenerzähler im Einsatz. Was wird’s in Linz sein? Wieder muss man sich was einfallen lassen, damit von dem vielen Geld auch ein bisschen was für die Literatur abfällt – für die heimische wohlgemerkt. Dass sie auf die Stars und Bestseller schielen - solche, die bei Columbo und Tatort gefährlich leben – ist klar, aber John Irving wird nicht kommen, weil bis dahin das Musiktheater noch nicht steht, dessen Ränge er füllen könnte.
Warum kann das eingereichte Projekt nicht heißen „Einfach schreiben lassen“? Ich habe ein Konzept für einen Roman, Linz spielt eine wichtige Rolle, 2009 soll er erscheinen, es wird ein spannender Roman, es wird ein hervorragender Roman, wenn ich jetzt 3 Jahre Zeit hätte, in Ruhe daran zu arbeiten. Nennen wir das Projekt „Einfach schreiben lassen. Grundeinkommen für Autorinnen und Autoren“. Die Nachhaltigkeit ist gegeben und Linz wäre im Nu eine Literaturhauptstadt, auf die sie alle stolz sein werden.