An einem Maitag

Versorgerin #67, September 2005

Kulturhauptstadtjahrmarkt 2009 in Linz–Urfahr 2009. Von Tobias Hagleitner.

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Einige Beinpaare in zivilisierten Schuhen - gemacht und gekauft für bodenständige Repräsentationszwecke - schwingen hoch über dem Jahrmarktgelände plump wackelnd aus neonfarbenen Sitzkäfigen und drehen sich im Kreis. In Bodennähe sind rote Köpfe zu finden. Die einen sind vom Achterbahn Fahren erhitzt, den anderen glühen die Backen vom Rausch, manche leuchten rötlich durch einen Berg rosa Zuckerwatte.

Die Stadt feiert und sie hat tatsächlich allen Grund dazu. Es ist erstens Mai, der Himmel zweitens blau, das Blattwerk drittens grün, viertens die Luft erregend warm. Aber es ist darüber hinaus noch und vor allem: Kulturhauptstadtjahrmarkt 2009 in Linz–Urfahr 2009.
Eine, die ihre grenzenlose Freude mit Hilfe der Beschallungstechnik besonders lautstark mitzuteilen weiß, ist die heimische Gesangskünstlerin Christl Stürmer. Ihr live vorgetragener Linz 2009 Song treibt die tausenden, glückstrunkenen KulturstadtbewohnerInnen im großen Zelt bis an den Rand der psychologischen Ausdrucksmöglichkeiten für zügellose Euphorie. Schnapsgläser fliegen über die Biertische und zerschellen an Mostschädeln. Da und dort balgen sich erwachsene Männer in der spielerischen, vermeintlich böswilligen Art junger Welpen. Urtümliche Kehllaute der umstehenden Weibchen und Männchen begleiten und kommentieren diese Schauplätze des Hochgefühls. Reihenweises Schunkeln und Wiegen rechtfertigt ungewohnt große Körpernähe auch auf den Seniorenrängen.

Vor dem Zelt glitzert feierlich die reflektierende Donau. Das Kulturschiff „Anton Bruckner“ gleitet unter Orchesterbeschallung vorüber mit neuen KulturtouristInnen. Sie werden an der Lände abgesetzt, auf die Kulturmeile entlassen, zu all den anderen Kulturerlebnishungrigen.
Denn da gilt es einiges zu bewundern. Besonders großen Anklang findet das rot blinkende Herz inmitten der blau hinterleuchteten Glasscheiben des Kunstmuseums. Verblüfft wird auch bemerkt, dass alle anderen Fassaden zur schönen Donau hin genau so blau beleuchtet sind. Überraschende Feuerwerkskörper, die das Brucknerhaus allabendlich wie aus dem Nichts vom Dach zum Strom hinunter wirft, verdienen es, beklatscht zu werden. Akustischer und visueller Liebreiz all überall, Höhepunkt reiht sich an Höhepunkt. Dazwischen drängen sich die Menschenmassen. Noch nie war so viel los in dieser Stadt.

Auch die Wirtschaft sagt das. Der City - Handel nimmt seit Jahreswechsel das Zwei Komma Neun-Fache ein. Wer die Landstraße hinunter geht, kann es sehen, das Zwei Komma Neun-Fache, wie es hinunterwalzt an den Geschäften und Auslagen vorbei, eine riesige Menge Fremdenverkehr, die alles nieder rollt mit Nylonsäcken und bunt gestalteten „2009“ Gimmicks in der Hand. Mehr als nur die üblichen, verschwitzten Radfahrer vom Donauradweg kaufen da und konsumieren, nicht nur Japaner fotografieren da ehrfürchtig die schöne Dreifaltigkeitssäule. Die Stadt ist voll von Menschen aus der ganzen Welt, die nur eines wollen: Kunst und Kultur.
Ob die Fremden nun mit dem Schiff anreisen oder in der glänzend polierten Bahnhofshalle mit untergründigem Bimm - Anschluss ankommen - die Medienstadt Linz hat sich auf die Kulturinteressierten und ihre Wünsche an allen Enden und Ecken vorbereitet: auf die Wolkenkratzer des Bahnhofsviertels werden vom Landesdienstleistungszentrum aus mittels lichtstarker Beamer nachts riesige Phalli projiziert, an den Haltestellenscreens der Straßenbahn wird die Wartezeit mit virtuellen Rundgängen durch das noch unvorhandene, architektonisch ansprechend werdende Musiktheater verkürzt, das Ars Electronica Center bietet kunstvoll gestaltete Cyberausflüge auf den Pöstlingberg, sowie eine computergenerierte grafische Reise durch die Donau aus der Sicht eines Wallers an.

Kultur und Kunst werden hoch gehalten – auf allen Ebenen. Die Gebäude hinter den pastellfarbenen Fassaden des Hauptplatzes wurden abgetragen, um riesigen Gastronomiebetrieben Platz zu machen. In hallenartigen Konstruktionen wird hier besonders dem internationalen, grenzüberschreitenden Aspekt von Linz 2009 entsprochen. Böhmische Mehlspeiskünstler bieten ihre Werke an, eine ganze Halle ist nur der ungarischen Gulaschkunst gewidmet, nicht zu vergessen die bayrische Braukunstarena im alten Rathaus. Ein findiger Wirt bietet in seinem Bauchladen „Oster-Erweiterung“ - kunstvoll gestaltete Eier aus den Nachbarländern - zum Verzehr. Kulinarische Krönung der Stadt ist aber derzeit die Linzer Torte 2009, eine gigantische weltrekordverdächtige Installation von zwanzig Metern Durchmesser, an der die gesamte freie Zuckerbäcker- und Konditorenszene beteiligt war. Sie liegt noch auf Schwimmkörpern unter der Nibelungenbrücke vor Anker, soll aber demnächst in einem feierlichen Akt der Strömung übergeben werden und als süßer Gruß an alle Donauanrainerländer, Möwen und Fische Richtung Schwarzes Meer treiben.

Unter dem Motto „Kultur für alle“ werden stets neue Großprojekte abgewickelt, die eine möglichst hohe Beteiligung der Bevölkerung ermöglichen. Auch die lokale Industrie bringt sich ein. Etwa die voest mit ihrer „Stahlstadt 2009“. Ein beträchtlicher Teil des Werksareals wurde in einen autarken, kulturellen Ort verwandelt. Hier gehen vor allem gigantische Konzerte über die Bühne, aber auch das „Drahtseil-Spektakel“, ein permanentes Straßenkunstfestival hat in der industriellen Umgebung eine ansprechende Bleibe gefunden. Pantomime, Clownerie und Akrobatik vor beeindruckender Blech- und Stahlkulisse. Abends finden jeweils zwei Stunden lang lebhafte Samba-Umzüge statt, an denen sich auch die Stahlarbeiter vor oder nach ihrer Schicht beteiligen. Sie erhalten für diese meist ohnehin mit Leidenschaft erbrachte Mehrarbeit von dem kunstsinnigen Unternehmen sogar eine Kulturzulage.
Lohnend soll angeblich eine Fahrt mit dem Linz City Express sein. Der Minizug wurde für 2009 durch Sonderwaggons mit Panoramadeck erweitert. Er verbindet die einzelnen Highlights und Locations untereinander, während kleine Lautsprecher über die jeweiligen Sponsoren detaillierte Auskunft geben.
Der Linz 2009 Song hat inzwischen in seinen bombastischen, glitzerregenverhangenen Schlussakkord gefunden. Frenetischer Applaus der Anwesenden. Es ist Mai 2009, zweitens der Himmel blau, das Blattwerk drittens grün, viertens die Luft erregend warm. Wieder einmal – wie schon an so vielen Tagen dieses Jahres - hat die Hauptstadt der Kultur viel mehr erreicht, als sich nur wünschen lässt, nämlich die kulturelle Sattheit und Zufriedenheit aller Beteiligten. Ja, das wohlig sichere Gefühl der Sättigung erfüllt in diesen Zeiten die einst so kunsthungrige Stadt. Man möchte platzen.

Tobias Hagleitner, geboren 1981 in Bregenz, studiert seit 2001 Architektur an der Kunstuni Linz, schreibt Gebrauchstexte und Geschichten