Kulturhauptstadt Linz oder Herr Franz arbeitet Schicht

Versorgerin #66, Juni 2005

Eine Groll-Geschichte von Erwin Riess

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Sie hatten auf einer Brücke über den Marchfeldkanal haltgemacht. Groll hatte eine Familienpackung Salzstangen für Franz, den emsigen Biber, mitgebracht. Franz war Schichtarbeiter; für ihn begann das Tagewerk erst am Abend. Groll hatte in seiner Jugend einige Zeit Schicht gearbeitet und hatte großen Respekt vor dieser anstrengenden Arbeitsform. Der Dozent lehnte sich an das Geländer und verbreiterte sich über allerlei Nichtigkeiten. Unter anderem erwähnte er, daß Linz 2009 Kulturhauptstadt Europas sein würde. „Linz und Kulturhauptstadt!“ sagte er. „Linz als Kulturhauptstadt ist so abwegig wie – „ er dachte angestrengt nach, „wie, wie … Linz als Kulturhauptstadt! Daß der Vergleich sich selbst als Paradoxon erwählt, zeigt wie verrückt diese Idee ist.“
Groll antwortete nicht. Er hielt Ausschau nach Herrn Franz, der wahrscheinlich noch in den Umkleideräumen aufgehalten worden war oder vom Biberingenieur im Büro Instruktionen für die Nachtschicht mitbekam – welche Bäume in welcher Reihenfolge gefällt werden müßten und wie sie am klügsten zu verbinden wären, daß sie den neuen Damm, an dem Herr Franz seit einigen Tagen arbeitete, festigten. Und er dachte nach, was das Wort Linz in ihm auslöste.
Eine Menge.
Wenn Groll das Wort „Linz“ hörte, dachte er an seine Jugend in der Hütte Krems. Die heutige Voest Alpine-Krems wurde in den frühen vierziger Jahren vom Naziregime als strategisch gelegenes Stahlwerk mit angeschlossenem Flußhafen zwischen den Hermann Göring Werken Linz und der Bundeshauptstadt errichtet. Aufgabe der sogenannten Schmid-Hütte sollte die Versorgung des Generalgouvernement genannten Teils von Polen und später der nördlichen Ostfront sein. Facharbeiter aus der Obersteiermark; aus Fohnsdorf, Rottenmann, Judenburg, Pöls und den umliegenden Montanarbeiterortschaften wurden nach Krems zwangsverpflichtet, in die Au unterhalb von Rohrendorf, eine von Donauarmen durchzogene und von Damwild und Gelsen bewohnte Wildnis mit dem Flurnamen Lerchenfeld. Die Arbeiter waren Kommunisten oder linke Sozialdemokraten; ihre Arbeitsleistung im Kriegsdienst war den Machthabern wichtiger als der Dienst mit der Waffe – der, das wußten die Nazis, in nicht wenigen Fällen mit der Desertion der Regimegegner geendet hätte. Obwohl die Arbeiter in der Schmid-Hütte soviel Ausschuß wie möglich produzierten, lieferte das Werk programmgemäß Stahl und Bleche für die Panzer- und Schiffsproduktion. Ostern 1945 wurden Krems und das Stahlwerk von amerikanischen Bombern schwer getroffen, am Bahnhof platzten die Waggons eines mehrfach plombierten Sonderzugs auf; Luxusgüter aus Ungarn, die von der SS zum Abtransport in die „Alpenfestung“ gedacht waren, kollerten auf den Gleiskörper. Kinder und Frauen der Stahlarbeiter lagerten mehrere Paletten Salamis, Sekt und Kaviar ein; als Bereicherung des ärmlichen Speiseplans.
Nach dem Krieg wurde die Hütte Krems in den Konzern der sowjetisch verwalteten Industriebetriebe eingegliedert. Die österreichische Regierung antwortete mit der Verstaatlichung dieser Betriebe, um, nach Erlangung der Unabhängigkeit, die Betriebe in eigenem Besitz fortführen zu können. Der Plan ging auf, die Verstaatlichte Industrie mit bis zu 120. 000 Mitarbeitern war der Motor des industriellen Wiederaufbaus und der damit verbundenen sozialstaatlichen Errungenschaften. Die Hütte Krems spielte ihren Part: neben dem General Motors Werk in Wien-Aspern ist die Voest Alpine-Krems heute noch mit weit über tausend Beschäftigten der größte industrielle Arbeitgeber nördlich der Donau. Als Teil des Voest Alpine Konzerns, dessen Zentrale hundertfünfzig Kilometer stromauf lag, war das Stahlwerk und die angeschlossene Siedlung, in der mehr als fünftausend Menschen lebten, die von den braunen Kremser Bürgern als steirisches Kommunistengesindel verhöhnt wurden, von einem mythischen Wort abhängig: Linz.
In Linz und nicht in Krems oder in Wien wurden die Entscheidungen getroffen, welche das Leben der Stahlarbeiter und ihrer Familien bestimmten. In Linz entschieden die hohen Herren von der Gewerkschaft und vom Vorstand über Lohnerhöhungen und Entlassungen, in Linz zeigte sich die Auswirkung der internationalen Stahlkonjunktur zuerst. Freundschaftliche Fußballspiele zwischen den Werksvereinen der Voest Alpine Krems und der seinerzeit berühmten und gefürchteten Elf der Voest Linz gerieten zu ausgelassenen Volksfesten. Betriebsleiter der Hütte Krems wurden nach Linz zum Rapport bestellt; wer sich in Krems bewährt hatte, durfte mit einer Beförderung nach Linz rechnen. Wien war die Stadt von My Fair Lady und Holiday on Ice; der Werksbus karrte die kulturbeflissenen Hüttenarbeiter und ihre Angehörigen immer wieder in die Bundeshauptstadt, aber gegen Linz war Wien bedeutungsmäßig ein Dorf.
Groll war in der Werkssiedlung der Hütte Krems, in der Rottenmannergasse, aufgewachsen. Er besuchte den Werkskindergarten, lernte in der Werksbibliothek die Weltliteratur kennen, spielte Fußball, Tischtennis und Tennis in den diversen Sektionen des Werkssportvereins und fuhr winters mit dem Werksbus nach Annaberg schifahren. Im Kohlenkeller lagerte Deputatkohle des Werks, sein Vater arbeitete dort als Maschinenbauingenieur (er starb 1968 im Alter von vierzig Jahren), Grolls Mutter arbeitete zuerst als Telefonistin und dann bis zu ihrer Pensionierung als Sekretärin des Angestelltenbetriebsrates. Groll hatte in den Ferien in der Verzinkerei und im Profilrohrwerk „geschichtelt“ und sich so Anfang der siebziger Jahre die neu aufgekommenen Interrail-Reisen verdient. Unter anderem erfuhr Groll auf diesen Reisen, daß nur wenige Stahlwerke im Ruhrgebiet, in Schlesien oder Mittelengland es mit den gigantischen Betriebsanlagen der Voest Linz aufnehmen konnten. Was Linz in Grolls Augen darüber hinaus noch auszeichnete, war der Donauhafen. Eine vergleichbar großartige Anlage findet man erst auf der Csepel – Insel in Budapest. Auch dort ist es ein Stahlwerk, das den Hafen begründete, aber heutzutage, nach der Wende im Osten, verblaßt das Stahlwerk von Csepel vor den modernen Hochöfen der Voest Linz wie der Kreuzberg zu Krems vor der erhabenen Kulisse des im ewigen Eis thronenden Linzer Pöstlingbergs.
Linz als Kulturhauptstadt? Für Groll war Linz längst Hauptstadt der Stahlwelt, des Schiffsbaus und der Donauschiffahrt. Das bißchen Kultur, dachte er, kann da keinen Schaden anrichten.
„Auf Ihre Frage zurückkommend“, sagte Groll zum Dozenten. „Ich unterstütze das Projekt Kulturhauptstadt Linz 2009 aus tiefer Überzeugung.“
Der Dozent sah erstaunt auf.
„Pardon, ich habe mich wohl verhört?“
„Keineswegs. In mir hat Linz seit Jahrzehnten einen glühenden Verehrer. Ich habe nur einen einzigen Einwand; der allerdings ist von größter Bedeutung.“
„Ich höre.“ Der Dozent wandte sich vom Kanal ab und Groll zu.
Der fuhr fort.
„Falls einige Becken des Linzer Hafens zugeschüttet werden sollten, was neulich in der Fachzeitschrift „Schiffahrt und Strom“ angedeutet wurde, ist die Bewerbung zur Kulturhauptstadt unverzüglich zurückzuziehen. Am besten, Linz engagiert Österreichs berühmtesten Donauexperten, den ehemaligen Leiter der Linzer Schiffahrtspolizei, Autor vieler Bücher über die Binnenschiffahrt und ständiger Korrespondent der wichtigsten Schiffahrtszeitschriften der Welt, Kapitän Otto Steindl, als Kulturkommissar, dann kann nichts schiefgehen. Er wird dafür sorgen, daß Linz, die Donau und die Schiffahrt wohlbehalten durch die Wogen des Kulturjahres segeln.“
Kaum hatte Groll dies gesagt, zeigte sich, daß Herr Franz mit der Arbeitsbesprechung fertig war; der Biber schwamm langsam den Marchfeldkanal stromaufwärts und näherte sich der Brücke, auf der Groll und der Dozent standen. Groll öffnete vorsichtig das Paket mit den Salzstangen. Der Dozent hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt; seine Lippen bildeten einen Kreis. Wie immer, wenn sein Weltbild erschüttert wird, dachte Groll und bereitete sich darauf vor, Herrn Franz ein paar Salzstangen vor die Schnauze zu werfen.