Willkommen in der Retro Postmoderne

Versorgerin 80, Dezember 08

Ein Kommentar von ur, servus.at

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Kommentar

Nun sitzen wird also mitten im lila, rosa, grün blinkenden Disneyland der dobuschen Turbo-Kulturentwicklung. Der alten Fassade der Kirchengasse 4 und anliegenden Häusern ist liebevoller Betonraum verordnet worden. Jetzt fehlen noch ein paar designte Möbel, Blumentöpfe und Grasfleckerl auf Rollen, ein paar Überwachungskameras und ein Security Dienst, dass wir uns endlich mit dem trendigen Wiener MQ vergleichen können. Schema F. Jedenfalls ist auch die Stadtwerkstatt in seiner vergleichbaren „putzigen“ Kleinheit in einen neuen Fokus gerückt worden, weil man ja schließlich "gefühlvoll" neu mit alt verbunden hat. So wie die Pöstlingbergbahn. Es ist schwer zu toppen, aber eine Erlebnisinsel namens „Linzer Auge“ in der Donau vor dem neuen Gebäudekomplex geht uns wirklich noch ab. Das muss der zweite Dotter im Ei sein, (der auf dem Cover des neuen Programmbuchs der europäischen Kulturhauptstadt abgebildet ist).

Ich kann mit dem Risiko unter die ewig heillosen RomantikerInnen, SuderantInnen und VerhinderInnen zu fallen im Moment gut leben, dennoch bin ich auch nicht auf der Nudlsuppe daher geschwommen und es ist mir sonnenklar, was so eine Revolution ohne Programm zu bedeuten hat. Die Stadt ist reich. Sie traut sich bloß noch nicht alles ganz zu betonieren, was im Weg ist. Man setzt seit einiger Zeit auf den langsamen Erstickungstod jeder Form von Wildwuchs und hofft so, mit wenig Aufsehen schleichend den ganzen Dreck unter Kontrolle zu bringen. Weils leichter ist, fängt man im Zentrum der Stadt an. Im Süden und an den Rändern der Stadt lässt man normalerweise die experimentellen Kunst- und KulturarbeiterInnen günstig und interdisziplinär vorarbeiten. Im europäischen Kulturhauptstadtjahr ist selbst dies künstlich ins Leben gerufen und gefördert worden. So eine kuratierte Gentrifizierung nennt sich dann jedenfalls in dem Zusammenhang ganz treffend „Normalzustand“.

Es ist jedenfalls ein weit verbreiteter Irrglaube, dass sie nicht wissen was sie tun, denn sie wissen es genau.

Im Haus der Stadtwerkstatt, geht’s seit Monaten zu wie auf der Bausstelle vorm Haus. Es hat sich viral verbreitet, dass es bei uns einen Kaffe-Automaten, Klos und Raum zum Aufwärmen gibt. Wir haben uns an die x-Bauhackler, die entweder aufs Klo gehen (und sich nicht hinsetzen zum Pinkeln), einen Automaten-Kaffee trinken kommen oder im Foyer jausnen, gewohnt. Ich meine, damit das nicht falsch verstanden wird, wir sind natürlich ein offenes Haus, während andere das nur im Logo stehen haben, aber mit dem Durchzug und einer Nutzerfrequenz dieser Art, die sich gut in der Statistik der Besucherzahlen machte, haben auch wir nicht gerechnet. Ja Du lachst, aber so werden Besucherstatistiken gemacht! Mittlerweile grüßt man sich jedenfalls wie KollegInnen, benutzt halt das untere Klo nicht mehr und plaudert über den derzeitigen Stand der Baustelle. Eine totale Win-Win Situation. Wir dürfen uns Hiltis von der Baustelle ausborgen und die Stadtwerkstatt verdient pro Kaffe auch ein paar Cent. Also ich finde man sollte die Leute mal wirklich ins Radio Fro Studio einladen zum Baustellen-Talk. Hier würde man jedenfalls viel über diverse Baupfusch-Aktionen aus erster Quelle erfahren. Böse Zungen behaupten, dass mit der Eröffnung des neuen Gebäudes, erst die Baustelle beginnt.

Beim Spaziergang über die von mir zutiefst gehasste Brücke und dann runter Richtung Lentos konnte man in den letzten Tagen das "Wer kann besser Blenden-Spiel" richtig schön erleben. Die fetten Institutionen sprechen miteinander. Die eine strahlt einfältig pink und braucht - ich weiß nicht wieviel - Watt Strom und die andere antwortet: Ätsch ich kann blinken. Diese Situation würde auch andere Vergleiche zulassen, aber auf die möchte ich jetzt nicht näher eingehen. Dahinter stellt man sich die Macher mit "Christkindaugen" vor, die an den Reglern der Beleuchtung schrauben. Willkommen in der Retro Postmoderne.
Es ist alles grotesk und unglaublich amüsant, wenn auch ein bisschen traurig.

ur, servus.at