Politisierung des akustischen Raums

Hörstadt heißt das zentrale Projekt der von Peter Androsch geleiteten Musikabteilung bei Linz 2009, Kulturhauptstadt Europas. Andreas Fellinger hat sich mit ihm darüber sowie über Gramsci, Gott und die Welt unterhalten.

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Interview

Hörstadt heißt das zentrale Projekt der von Peter Androsch geleiteten Musikabteilung bei Linz 2009, Kulturhauptstadt Europas. Andreas Fellinger hat sich mit ihm darüber sowie über Gramsci, Gott und die Welt unterhalten.

Vom Gesamtbudget in der Höhe von 68,7 Millionen Euro erhält die Musikabteilung mit 8,3 Millionen Euro das größte Stück vom Kuchen. Für Intendant Peter Androsch (45), Musiker, Komponist und Autor, und sein Team setzt sich Hörstadt aus drei wesentliche Elementen zusammen: aus dem akustischen Stadtentwicklungsprogramm Linzer Charta, dem Akustikon als Institution des Hörens und Beschallungsfrei, der Kampagne gegen Zwangsbeschallung. Darüber hinaus gibt es Geld für eine Fülle an Kooperationen: der Circus bringt mehr als 100 Veranstaltungen von Mai bis September, die Turmmusik erklingt täglich um 18 Uhr, die Orgelstationen bieten Konzert von Ostermontag bis Nationalfeiertag; dazu kommen die Stiftskonzerte in St. Florian, die Parade (von Keith Goddard & Peter Kuthan) rund um den 1. Mai, zwei Ausgaben von 4020 – mehr als Musik, ein Orchesterwerk von Doug Hammond, die Schauspieloper Fouché, das europäische Jugendmusikfestival sowie Konzerte beim Brucknerfest, in Linzer Kirchen und im Posthof, in Freiburg und in Ulrichsberg (Kaleidophon, Phonomanie, Peter Ablingers Landschaftsoper).

Was war die ursprüngliche Idee von Hörstadt, was ihre Entstehungsgeschichte?

Das war der allererste Anfang. Ich bin ja zu diesem Job gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Es hat keine Bewerbung gegeben, der Job war nicht ausgeschrieben, ausgeschrieben war nur der Job des Intendanten. Klarerweise muss sich ein Intendant das Team seines Vertrauens suchen ... Ich bin Anfang 2006 zum Heller (Linz09-Intendant Martin Heller; Anm.d.Red) gefahren, nur um einen Auftrag zu bekommen, so wie viele andere Künstler auch, und hab mein Manuskript mitgenommen von ca. 50-70 Seiten. Ich war dabei, ein Buch „Über das Wesen der Hintergrundmusik“ zu schreiben – das jetzt leider nie fertig wird, jedenfall nicht in absehbarer Zeit, weil ich nicht mehr dazukomme. Da geht’s um gesellschaftliche Phänomene der Hintergrundmusik, aber auch um psychoanalytische Phänomene, so diese Klangwolkenidee, jedenfalls Ideen, die mit Musik relativ wenig zu tun haben. Ich hab‘ ihm das Manuskript dagelassen – und eine Woche später fragt er mich, ob ich den Job des Musikintendanten machen will. Da war schon klar, dass die grundsätzlichen Überlegungen mit dem Manuskript etwas zu tun haben müssen. Und dann hat sich das entwickelt, es hat sich ein Team ergeben, das mich bis heute begleitet, Leute, die intellektuelle Spiegel für mich sind, aber auch Sparringpartner, das sind der Peter Leisch und der Alois Fischer. Gemeinsam haben wir uns der Frage angenähert: Welche Rolle spielt Akustik in einem gesellschaftlichen Zusammenhang – etwa wie Antonio Gramsci in den 1920er Jahren zur Frage der kulturellen Hegemonie gearbeitet hat, also ein gesellschaftskritischer Zugang zu ästhetischen Phänomenen. Ein Zugang, der die Gesellschaftskritik befreit vom reinen Materialismus. Wenn man sich eine historische Linie vorstellt, dann geht diese Linie von Gramsci über Pierre Bourdieu zu Klaus Theweleit – wo also betont wird, dass ästhetische Kriterien für Herrschaftsverhältnisse in der Gesellschaft auch wichtig sind. Jedenfalls kann man nicht sagen, dass sie nicht zusammengehören. Dass das dann Hörstadt heißt und diese drei Hauptsäulen hat, das hat sich dann so ergeben. Ungefähr ein Jahr hat dieser Orientierungsprozess gedauert, wobei der Grundlagentext schon 2006 fertig war. Die konkrete Ausformung verändert sich übrigens bis heute noch.

Gibt es Beispiele für Gesellschaftskritik, die von reinem Materialismus nicht befreit ist?

Wenn du dir die Geschichte des Marxismus anschaust, dann hat es immer den Vulgärmarxismus gegeben, das Sein bestimmt das Bewusstsein, und so. Ich bin zwar kein extremer Experte davon, aber meines Wissens war es Gramsci, der gesagt hat: Wer die kulturelle Sphäre beherrscht, beherrscht auch die Gesellschaft. Im Grunde hat Bourdieu dann 80 oder 90 Jahre später in „Die feinen Unterschiede“ etwas ganz ähnliches gesagt.

So viel Zeit war nicht dazwischen, es waren wohl nur 60 Jahre.

Stimmt eigentlich. Bourdieu kam also mit diesem erstaunlichen Ansatz, dass du so und so lange eine republikanische, demokratische Gesellschaft hast, und trotzdem durchmischt sie sich so wenig, trotzdem pflanzen sich die Gesellschaftsschichten fort. Vereinfacht gefragt: Warum heiraten die Leute nicht quer durch die Schichten? Und das hat oft gar nicht so viel mit Materialität zu tun, sondern mit ästhetischen Dingen. Leute aus verschiedenen Gesellschaftsschichten verstehen sich einfach nicht. Da geht’s darum, was findet man schön, was schiach, diese Dinge. Im Vulgärmarxismus würde man sagen, das ergibt sich alles von selbst, das ist nur eine Frage der Verteilung der Produktionsmittel. Aber gerade im Bereich der Akustik stimmt das überhaupt nicht.

Wenn man sich die Programmatik schnell anschaut, könnte man auf den Gedanken kommen, Hörstadt, speziell die Initiative gegen Zwangsbeschallung, ziele auf eine heile Welt ab und habe mit Esoterik oder gar Religion zu tun.

Das ist übrigens eine unserer größten Baustellen. Du wirst lachen, diese Bereiche werden auch gestreift, um strategische Partner zu finden. Aber es ist wahnsinnig schwierig, sich davon abzugrenzen. Der erste Bereich, wo’s schwierig wird, ich hab‘ da eine kleine Schlacht mit Otto Brusatti (ORF-Ö1-Klassik-Redakteur; Anm.d.Red.) hinter mir, ist der Bereich des Bildungsbürgertums. Leute, die Akustik rein als musikalisches Phänomen betrachten, aus ästhetischer Sicht. Leute, die Hintergrundmusik aus Geschmacksgründen ablehnen. Das kann es schon geben, dass einem etwas nicht schmeckt, aber wenn man sich darauf verlässt, wird man keine gesellschaftliche Wirkung entfalten. Nicht umsonst haben wir versucht, von der Seite des Konsumentenschutzes und des Arbeitnehmerschutzes heranzugehen – und haben dadurch Verbündete bekommen, die wir sonst nicht bekommen hätten. Und warum überhaupt „Beschallungsfrei“? „Beschallungsfrei“ ist eine gesellschaftliche Offensive, weil wenn man sich die Probleme anschaut, sind die hauptsächlich im Bereich der Mobilität zu finden, überall sind Motoren drin, wir haben viele Schallquellen – und auf der anderen Seite steht das Phänomen der Beschallung in einem wirtschaftlichen Zusammenhang. Wir sind es gewohnt, sehr große Belastungen auszuhalten und dazwischen Ruhephasen einzulegen; diese Ruhephasen wachsen aber sukzessive zu; gar nicht so sehr in der Lautstärke, sondern in der Menge der Belastung. Bei den Akustikern heißt das Dezibel, es geht aber nur bedingt um Dezibel. Die Position, die wir vertreten, ist eh am Rande der Esoterik, wo man schon sehr genau schauen muss, dass man nicht auf wackeligen Grund gerät. Wenn man unser Alltagsleben anschaut, dann hat man eine unglaubliche Fülle von Beschallung, allein durch technische Geräte – und erst am Schluss kommt diese Hintergrundmusik in Handel und Dienstleistungen. Das heißt, es geht gar nicht so sehr darum, es geht nur um den Beitrag, den sie leistet, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Und es geht darum, dass ich schnell und ohne großen Aufwand etwas ändern kann: eine Dynamik in Richtung Ruhezeiten und Ruhezonen. Was damit auch bezweckt wird: Wir haben dadurch relativ schnell eine große Öffentlichkeit; in der Hoffnung, dass sie abfärbt auf andere Sachen – darum „Beschallungsfrei“. Also ich halte die Frage der Hintergrundmusik, im Gegensatz zu Otto Brusatti, für einen total nachrangige Sache.

Woran ist gedacht, damit diese Hörstadt-Bestrebungen nicht mit Jahresende auch beendet sind? Also die Frage nach der bis zum Exzess breitgetretenen Nachhaltigkeit.

Als ich noch Musiker war, war ich einmal auf DDR-Tournee, da hat es einen wunderbaren Witz gegeben über „Die sieben Phasen der Planung“. Ich weiß die sieben Phasen nicht mehr, jedenfalls ist am Schluss das genaue Gegenteil der ursprünglichen Planung herausgekommen. Es gibt ein paar grundsätzliche Ideen dazu, dass etwas überbleibt von 2009. Zum Beispiel, dass wir Strukturen schützen, die es schon gibt, also etwa „4020 Linz – mehr als Musik“ (Intendant: Peter Leisch; Anm.) oder Ulrichsberg (Jazzatelier: Alois Fischer; Anm.). Wenn ich da Geld und Ideen hineinpumpe und Öffentlichkeit mobilisiere, dann besteht Hoffnung, dass dort 2010 nicht mehr so prekär gearbeitet wreden muss wie vorher und unter menschenwürdigeren Bedingungen. Dasselbe trifft auch aufs Bruckner Orchester zu, etwa durch die Zusammenarbeit mit der Arbeiterkammer. Das waren übrigens eine meiner beglückendsten Stunden, mit Dennis Russell Davies und Heribert Schröder (Bruckner Orchester) und Elfi Sonnberger (AK) das Programm fürs Brucknerhaus zu erstreiten. Im Bereich der Akustik natürlich durch die Hörstadt, und ich meine, dass wir hier den wichtigsten Schritt schon geschafft haben, nämlich dass von der Stadtregierung noch im Jänner die Linzer Charta beschlossen wird.

Die kommt also quasi in Verfassungsrang?

Ja, das kann im städtischen Zusammenhang so sagen. Es kann natürlich theoretisch sein, dass sich die Stadt später einen Dreck darum schert. Das ist aber ganz sicher nicht der Fall, sonst würden sie sich nicht so darum bemühen. Freilich braucht es Leute, die das weiter pushen.

Wer könnte das konkret sein?

Naja, das sollen eben wir sein. Auch aus Eigeninteresse, weil mich das Thema seit Jahrzehnten bewegt und weil ich glaube, dass wir ein Team gebildet haben, das international herzeigbar ist. Wir sind nirgends Weltspitze, aber wir sind in der Gesamtschau sicher europaweit ohne Vergleich. Es gibt sonst nirgends ein Team, das den Zusammenhang von Akustik, Politik und Gesellschaft so klar formuliert.

Besteht Hoffnung auf Nachahmungstäter der Hörstadt?

Die gibt’s auch, aber da sind wir noch sehr am Anfang. Aber allein, wenn du dir auf der Homepage anschaust, welche Betriebe jetzt schon dabei sind ...

Ich meine eher auf kommunaler Ebene ...

Ich kann natürlich nicht mit etwas hausieren gehen, was vom Stadtparlament noch nicht beschlossen worden ist. Aber dann versucht man, das in das bestehende Städtenetzwerk einzuspeisen, daraufhin ins europäische Parlament – und das ist der nächste Schritt (zeigt auf ein Papier): das Bachelor-Studium der Akustik, nach international standardisiertem System, vom Bachelor über den Master zum Doktor.

Weil Bachelor zufällig mit Bach anfängt, eine Frage zu Bruckner. Wie laufen die 5-Minuten-Verkürzungen der Bruckner-Sinfonien in Thomas Kerbls Projekt „Instant Bruckner“?

Das ist schon fast fertig, da wurde schon einiges präsentiert bei der Gala. Die ersten drei der zehn Sinfonien sind verarbeitet.

Ist so eine Verkürzung ästhetisch zu rechtfertigen?

Ja, auf jeden Fall. Bruckner ist ein Gigant. Und warum hat Bruckner Geltung? Weil er im Grunde der Zerstörer der klassischen Kompositionsmethode ist; einer Methode, die daran glaubt, dass jeder musikalische Bestandteil sinnvoll ist und es eine logische Entwicklung gibt. Der Bruckner war der erste, obwohl er der gläubigste Komponist war, der damit aufgeräumt hat. Er hat Klangzustände geschrieben, einen Schnitt gemacht, die berühmte Generalpause, da hat er G Punkt P Punkt hingeschrieben – eigentlich ein Phänomen, wie man es erst aus dem Film kennt, der erst viel später entstanden ist –, dann kommt der nächste Klangzustand usw. Also heute würde man Montage dazu sagen. Wenn man das bedenkt, dann können wir das Recht für uns einfordern, in einer neuen ästhetischen Arbeit diesen Schnitt halt auch anders anzuwenden. Und das tun wir auch, beziehungsweise der Thomas Kerbl tut das, der kennt wirklich jeden Furz, den Bruckner jemals aufgeschrieben hat. – Und ich muss sagen, dass das sehr gut funktioniert.

War der Linz09-Beginn mit seiner Ohren betäubenden Eröffnung nicht diametral entgegengesetzt zu Peter Androschs Hörstadt-Bestrebungen?

Nein, wieso? Ich glaube, dass man nirgends in unserem Papier etwas finden wird, wo steht, dass es uns um Ruhe geht oder um Stille, dass die Welt ruhiger werden soll und so. Das ist ein großer Irrtum, das denken viele Leute immer hinein. Wenn man unsere Intentionen liest, dann geht es um die demokratisch legitimierte Organisation des akustischen Raums. Und nirgends geht es darum, dass unsere Lebensumgebung leiser wird. Wir leben in einer Zeit, in der es Begriffe wie Luft- und Wassergüte gibt, wo fast alle Lebensbereiche, die uns umgeben, logischerweise reglementiert sind – auch nicht aus Selbstzweck, sondern weil, wenn da etwas schiefgeht, es wahnsinnig viele Leute betreffen kann. Wenn du jetzt einen Bereich hast, in dem es, wie ich geschildert habe, zu zwei Explosionen gekommen ist, jene der Mobilität und jene der Beschallung, dann ist es an der Zeit, dass wir auch diese regeln. Warum ist das schwierig? Weil alles, was über das Ohr wahrgenommen wird, unbewusst wahrgenommen wird, und das 24 Stunden pro Tag. Der Satz: Wer arbeitet, lebt im Lärm, kann nicht unwidersprochen hingenommen werden. Darum geht’s uns, und nicht, dass alles ruhiger wird um uns. Ist eh klar: Eine Eröffnung, bei der es nicht tuscht, ist keine Eröffnung. Das ist wirklich ein Problem für Esoteriker und Religiöse. Nur das überzeugend zu kommunizieren, ist wahnsinnig schwierig und zum Teil gar nicht möglich. Wenn du dir die religiösen Traditionen anschaust, dann ist eine der größten Prüfungen, die es gibt, die Klausur, das mit sich selbst ins Reine kommen durch Absonderung, durch Ruhe. Also damit muss man leben, dass dieser Bereich vielfältig interpretierbar ist.

Ich frage ja nur, es hätte ja sein können, dass das ein individuelles Problem für Peter Androsch ist und er dadurch in Konflikt mit der Intendanz kommt.

Nein, ich bin ja erstens selber Musiker. Ich meine, was ich als junger Mensch gemacht habe, das würde ich heute nicht mehr machen. Ich hab ja auf der einen Seite fast einen halben Hörverlust, weil das Schlagzeug immer hier dahinter gestanden ist. Aber natürlich muss es auch laut sein. Wenn’s nicht laut ist, dann kann’s auch nicht leise sein. Wir leben ja in einer Organisation der Gegensätze.

Die katholische Kirche ist absichtlich ein Partner der Hörstadt?

Ja, die Kirche ist in vielen Facetten Partner, einmal ganz praktisch bei „Beschallungsfrei“, die trägt das mit, und sie ist auch Partner im musikalischen Bereich. Sie trägt auch den Ruhepol Mariendom mit, der im April eröffnet wird, mit dieser weltweit einmaligen Halle, die 100 m² Grundfläche hat und 20 Meter Höhe – solche Proportionen findet man kein zweites Mal – und damit auch so einen Klang. Dann ist die Kirche auch Partner bei vielen musikalischen Aktivitäten. Wir haben ja die Orgelstationen, ein tägliches Orgelkonzert ...

Das scheint mir ja überhaupt ein Problem zu sein, dass Orgeln nur in Kirchen herumstehen. Das gehörte doch dringend demokratisiert.

Ich glaube, dass man die Kunst überhaupt nicht demokratisieren soll. Den Zugang zur Kunst, ja.

Den Zugang zur Orgel. Ich hätte gern, dass eine Orgel am Magistrat steht.

Schau, ich bin Atheist. Nur glaube ich, dass man kein überzeugend argumentierender Atheist sein kann, wenn man nicht weiß, dass man nur ein A davor hat. Also wer die westliche Religionsgeschichte halbwegs intus hat, dann ist das einmal so, dass der Atheismus ein Kind des Theismus ist – und nicht umgekehrt. Die Jesuiten haben das ganze Klumpert erfunden, und durch das Zu-Ende-Denken der spekulativen Psychologie, das war Teil der Theologie, ist es zum Atheismus gekommen, weil am Schluss hat sich die Notwendigkeit nach einem höheren Wesen in nichts aufgelöst. Im Grunde ist der Atheismus die zu Ende gedachte Theologie.

Und deswegen muss man die Orgeln in den Kirchen belassen?

Nein, aber das heißt, dass natürlich die Historizität von Ereignissen einfach zu akzeptieren ist. Es ist halt einmal so. Darum bringt jetzt auch ein billiger Antiklerikalismus gar nichts. Etwas anderes wäre, wenn ich mich jetzt in einem aktuellen gesellschaftlichen Konflikt befände. Aber ich glaube nicht, dass die Kirche ein würdiger Gegner ist.

Die Anprangerung von „Zwangsbeschallern“ hältst du für eine gute Idee? Oder sollten nicht besser die besonders Braven ausgezeichnet werden?

Nein, Zuckerbrot und Peitsche sind, glaube ich, immer noch wichtig. Auch weil es einfach Phänomene in diesem Bereich gibt, die besonders gesundheitsgefährdend sind. Die haben ja Glück gehabt, dass wir überhaupt wen gefunden haben, der so absurd beschallt, dass man 85 Dezibel messen kann! „Beschallungsfrei“ hat sich im Großraum Linz extrem positiv ausgewirkt, sodass die Beschallung wahnsinnig zurückgegangen ist. Ziel ist natürlich – darum war es wichtig, dass man diese Aktion schon 2008 macht – ihre Ausweitung auf ganz Österreich; und zwar repräsentativ und natürlich mit einem ganz großen Partner dabei. Daran arbeiten wir zurzeit.

Das passt also für dich, dass man vors Geschäft ein Taferl hinstellt und sagt: böse!

Aber ja, ein bisschen Aktionismus schadet gar nicht. So im „Falter“-Sinn: Best of Böse.

Steht diese „Circus“-Geschichte in direktem Zusammenhang mit der Hörstadt-Inititiave? Oder wird dann einfach ein Zirkuszelt postiert und täglich mit Konzerten beschallt?

Das hat auch damit zu tun, dass wir in einer Stadt leben, die geografisch zwischen Wien und Salzburg liegt, und wir deswegen anders mit Dingen umgehen müssen als die beiden Städte. Und du signalisierst mit einem Zirkus eine gewisse Tradition – noch mehr durch die englische Schreibweise und durch den Bezug auf die französische Tradition, das Zelt kommt ja aus Dijon! Drei Dinge: einmal signalisiert der Circus eine klassenüberschreitende, demokratische Form der Unterhaltung, schon allein durch die Form: du hast keine Bühne, sondern eine Arena, die Ausführenden sind alle auf gleicher Ebene mit dir oder sogar darunter; es ist kein Imaginationstheater, du siehst, was passiert. Das ist die erste Botschaft. Die Schreibweise verweist auf England, wo Circus als ernst zu nehmende künstlerische Ausdrucksweise besser akzeptiert ist als bei uns. Und das Holzzelt kommt aus Frankreich, wo die riesige Renaissance des Zirkus auf den damaligen Kulturminister Jacques Lang zurückgeht, der zur Belebung des französischen Zirkus Millionen hineingepumpt hat. Und du signalisiert durch einen Zirkus Beweglichkeit und Schnelligkeit; und was auch im Zirkus wichtig ist: Wiederholung. Alle Programme werden mehrmals gespielt, bis zu zwölf Mal – insgesamt ergibt das mehr als 100 Veranstaltungen. Damit versuchen wir der Crux der modernen Musik zu entkommen, wo nach einer schönen Uraufführung es keine Sau mehr interessiert, was gespielt wird. Wir versuchen durch ein relativ kleines Zelt – es gehen maximal 200 Leute hinein – die Entwicklung einer Routine; dass sich das herumspricht. Das ist ein gewisses Risiko, es kann publikumsmäßig auch in die Hose gehen, aber gut. Noch etwas Prinzipielles dazu: Wir wollten hier etwas entwickeln, das schon da ist. Das Programm ist zwar nicht regional begrenzt, aber dennoch stehen die Geistigkeit und die Beziehungen, die sich hier entwickelt haben, im Mittelpunkt. So wird ein Schwerpunkt auf Alte Musik gelegt, die hier in der Region überproportional vertreten ist.

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