Linzbilanzen

Andre Zogholy zieht Zwischenbilanz über ein Treffen der Freien Szene Linz mit verantwortlichen Politikern.
erschienen in KUPFzeitung 110/05

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Artikel

Am 27. Jänner luden VertreterInnnen der Freien Szene Linz verantwortliche Politiker der im Stadtsenat vertretenen Parteien ein, Zwischenbilanz zu ziehen. So versammelten sich im Saal der Stadtwerkstatt auf der einen Seite Vizebürgermeister und zuständiger Kulturreferent Erich Watzl (ÖVP), Stadtrat Klaus Luger (SPÖ) und Stadtrat Jürgen Himmelbauer (Grüne). Diesen gegen-über saßen Elfi Sonnberger (Stadtwerkstatt, Stadtkulturbeirat), Harald Schmutzhard (Social Impact) und Andrea Mayer-Edoloeyi (FIFTITU%, KUPF). Als Dompteur des Scharmützels trat der in KUPF-Kreisen wohl bekannte Martin Wassermair den Weg von Wien in die zukunftsträchtige Stahl- pardon, soll natürlich heißen Kulturstadt an.

Der 27. Jänner 2005, ein Bilanz-Stichtag.
Eine Zäsur sollte gesetzt, das Ende der Dürreperiode verkündet werden. Eine Bilanz also, 5 Jahre nach Gemeinderatsbeschluss des Kulturentwicklungsplanes, 4 Jahre vor einer Kulturhauptstadt und 1 Jahr mit dem Linzer Kulturreferenten Erich Watzl. Eine kulturpolitische Diskussion? Klar, aber eben auch eine Bilanz. So richtig, mit Taferln, Aktiva wie Passiva. Und im Zeitalter postfordistischer Kunst- und Kulturproduktion sind natürlich die immateriellen Vermögenswerte, aber auch fordistische Torten und ebensolche Diagramme nicht zu unterschlagen und anzuschneiden. Es galt, Rechenschaft über die Vergangenheit einzufordern, aber auch den Politikern Versprechungen abzuluchsen. Es ging also um Linz, ein Labor der Zukunft, wie es so schön in den Bewerbungsunterlagen zur Kulturhauptstadt formuliert ist.

Der Kulturentwicklungsplan der Stadt Linz (KEP), ein an sich positiv zu bewertendes, jedoch bisweilen geduldiges Papier harrt in Punkten die Freie Szene betreffend immer noch der aktiven Umsetzung seitens der Politik. Sehr verheißungsvoll steht in eben diesem KEP geschrieben: ?Um das große künstlerische Potential der Freien Szene auch in Zukunft in Linz zu halten, muss die Förderung der Freien Szene konsequent und nachhaltig wirksam weitergeführt und ausgebaut werden.? (S. 10 KEP) Und obwohl in diesem Leitbild die Freie Szene als eine von drei Säulen der Kulturstadt Linz genannt wird - neben den Bereichen ?Technologie und Neue Medien? sowie ?offene Räume? - durchzieht eine große Skepsis die Gemüter der Kulturschaffenden. Bilanz zu ziehen, heißt hier auch, aufzurechnen, was denn von den hehren Vorhaben und Versprechungen umgesetzt wurde. Und diese Bilanz gestaltet sich nicht allzu positiv.

So wurden von der Stadt Linz zwar kulturelle Großprojekte wie etwa das LENTOS, das Musiktheater oder der Wissensturm wie auch im KEP vorgesehen durchgesetzt, die (An-)Zahl der umgesetzten Vorhaben für eine Verbesserung der Situation der Freien Szene liest sich dagegen nicht nur budgetär äußerst bescheiden. Was ist passiert? Oder auch, was wird passieren? Werden bald die kulturellen Paläste dieser Stadt brennen? Quasi als Feuerwerk für 2009? Am Abend des 27. Jänner wurde zumindest einmal eine Torte angeschnitten. Die Politiker gaben sich in ihren Antworten ein Stelldichein an Übereinkünften, Lobpreisungen ob der Wichtigkeit der Freien Szene, sowie nur marginal differenzierenden Ansichten. Willkommen in der Postmoderne, aber hallo hallo!

Im Folgenden der Versuch einer kurzen Entwirrung des Differenzdschungels:

Jürgen Himmelbauer verortet den Kern des Problems in einer Nichtkonformität des KEP mit der budgetären Entwicklung und fordert (von wem eigentlich?) budgetäre Adäquatheit in der Schwerpunktsetzung. Schließlich müsse die Stadt Linz mehr Geld für autonome Kunst- und Kulturarbeit zur Verfügung stellen. Der Mobilitätsstadtrat und Chef der Linzer Grünen unterstützt auch die Forderung nach 52% für Frauen gemäß Gender-Budgeting-Richtlinien.

Woher all dieses Geld nehmen und nicht stehlen, fragte sich deshalb Klaus Luger und spricht auf die bei Linzer Sozis allzu beliebte Sündenbocktheorie an. Demnach seien die Zahlungen der Stadt Linz an das Land Ober- österreich in einem unausgewogenen Verhältnis. Da für Klaus Luger Linz zu wenig Rückfluss von Seiten des Landes erfahre, gäbe es eingeschränkte Spielräume. Die Losung lautet daher (nicht nur) in diesem Fall eine Erhöhung des Budgetansatzes durch ein Mehr vom Land Oberösterreich. Und Klaus Luger nimmt hier 1,5 bis 2 Millionen Euro in den Mund.

So stellten sich aber die Fragen, ob für eine Freie Szene das Geldbinkerl nun doch ein Mascherl hätte. Ist es nicht eine selbstverständliche Aufgabe der PolitikerInnen, sich selbst darum zu kümmern, woher das Geld kommt? Und, wieso ist das Land Oberösterreich nun schuld, dass wichtige Teile des Kulturentwicklungsplanes der Stadt Linz nicht umgesetzt wurden?

Erich Watzl will eine Diskrepanz zwischen den Wünschen und der Knappheit der Ressourcen erkennen. Träume sind Schäume? Die Kosten jedenfalls sollten seiner Meinung nach durch eine Reduktion von Infrastrukturkosten freigeschaufelt werden. Sunnyboy Erich Watzl in der Rolle des coolen Sprengmeisters? Mitnichten, Museen dürfen dem Herrn Kulturreferenten keine geschlossen werden, einzig bei autonomer Kunst- und Kulturarbeit sollten Kunstprojekte und keine Häuser gefördert werden. Die eigenen Häuser wie etwa der angesprochene Posthof müssen hingegen für 2009 ?fit gemacht? werden.

Schließlich fordert Erich Watzl für die Kulturhauptstadt "Nachhaltigkeit" wie "Vorhaltigkeit". 2009 dürfe auf keinen Fall ein ?ganzjähriges Feuerwerk? werden. Herr Watzl wird doch nicht etwa die Positionen des KUPF-Papieres zur Kulturhauptstadt übernommen haben?