Unprofessionell mit Vollkasko

Inge Proyer und Udo Danielcyk berichten ihrem Onkel Hans über den Umgang mit Projekten im Rahmen der Kulturhauptstadt.
erschienen in KUPFzeitung 127/08

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Artikel

Lieber Onkel Hans, wir hatten Dir doch vom Projekt „Linz in Torten“ (LIT) erzählt, das wir für den Verein „maiz – autonomes Zentrum von & für Migrantinnen“ im Rahmen der Kulturhauptstadt Linz ’09 (L’09) durchführen sollten. Jetzt müssen wir Dir aber leider über die Absage des Projekts durch maiz und deren Hintergründe berichten.

Kurz zur Erinnerung: Im Rahmen von LIT wollte maiz von MigrantInnen verfremdete Rezepte der Linzer Torte entwickeln, also mit anderen Mehl- und/oder Marmeladensorten und Gewürzen, und dann produzieren und verkaufen. MigrantInnen hätten sich also ein Linzer Symbol angeeignet und ihren Platz und ihr gleichberechtigtes Da-Sein in Linz sichtbar gemacht. In einem Kommunikationszentrum mit niederschwelligem Zugang in der Altstadt von Linz war der Verkauf der Torten sowie von Bio- und Fair-Trade-Produkten geplant, die Veranstaltungen sollten sich mit Schwerpunkten wie Migration, Antirassismus, Postkolonialismus etc. befassen. Das Konzept zielte also klar auf einen Aufbau von nachhaltiger Infrastruktur ab und wurde von L’09 an- und mit einer – leider nur mündlichen – Förderzusage Anfang April ins Programmbuch 2/3 aufgenommen. Der Finanzierungsbedarf lag allerdings um ein Drittel höher, wie uns auch ein von L’09 berufener Gastro-Experte bestätigte. Trotzdem war maiz bereit, das Projekt mit Einschränkungen umzusetzen. Von da ab bemühte sich maiz um die Klärung der organisatorischen und vor allem finanziellen Rahmenbedingungen und stürzte sich parallel dazu in die Umsetzungsphase: Suche nach geeigneten Räumlichkeiten und darauf basierend Erstellung des Gastro-Konzepts, Gründung einer GmbH zur Minderung des Risikos für den Verein, Veranstaltungskonzept, Personaleinsatzpläne, ... – das volle Programm halt.

Du siehst also, dass wir unseren Teil der Vereinbarung einhielten. L’09 war jedoch nicht in der Lage, maiz einen Vor- bzw. Mustervertrag vorzulegen, der aber als Basis für die nächsten konkreten Schritte benötigt wurde: Die Gründung der GmbH als Rechtsträger für die Anstellung von Personal, den Abschluss von Miet- oder sonstigen Verträgen sowie für die rechtzeitige Adaptierung der Räumlichkeiten als Kommunikationszentrum. Oft haben wir bei L’09 nachgefragt und auf die Dringlichkeit dieser vertraglichen Regelung hingewiesen. Wir wurden allerdings wieder und wieder vertröstet. Und anstatt sich auf eine kontinuierliche Projektarbeit einzulassen, erwartete sich L’09 nunmehr ein bis ins letzte Detail fertig geplantes Projekt und das bei unklaren, sich ständig ändernden Bedingungen. Kulturprojekte von der Stange für die Schnäppchenjagd oder wie würdest du das sehen? Bis zu einem gewissen Punkt haben wir ihre Forderungen auch brav erfüllt. Da war es dann Ende Juli, also nach vier Monaten Arbeit in einem quasi rechtsleeren Raum.

Wie schon erwähnt, dreht sich bei LIT ja sehr viel um den Aufbau von nachhaltiger Infrastruktur, die über das Kulturhauptstadtjahr 2009 hinaus Bestand haben sollte. Das war auch von L’09 mündlich zugesagt und würde sich wohl im Vertrag, auf den wir so sehnlich warteten, wiederfinden. Du kannst sicher schon voraussehen, lieber Onkel Hans, dass alles ganz anders kam: In einer Besprechung wurde uns plötzlich mitgeteilt, dass L’09 weder die Gründung der GmbH noch den Aufbau von Infrastruktur fördern kann/darf. Na bumm, wirst Du Dir zu Recht denken. Nach über einem Jahr an Projektentwicklung und Verhandlungen, vier Monate nach mündlicher Zusage kommt L’09 also drauf, dass das ja so gar nicht geht. Aber das war noch nicht genug - maiz sah sich auf einmal mit der Ankündigung konfrontiert, dass bei Projektende eine Ablöse auf von L’09 finanzierte Investitionen zu leisten sei. Was genau davon wie betroffen ist, wussten sie selber nicht. Ebenso verlangte L’09 auf einmal eine Gewinnbeteiligung – wohingegen natürlich maiz das alleinige Risiko im Falle eines Scheiterns zu tragen hätte, was maiz auch immer bewusst war. Na bravo, wenn das nicht unter die Kategorie Vertrauensbruch fällt!

Dir ist jetzt wohl endgültig klar, warum wir hier die Notbremse gezogen haben, ja ziehen mussten, und das Projekt, übrigens das einzige einer MigrantInnen-Organisation aus Linz, abgesagt haben. Unter so unklaren Bedingungen ein Projekt durchzuführen, dessen Umsetzung durch kurzfristige Änderungen – wir korrigieren: Verschlechterungen der Rahmenbedingungen nunmehr unkalkulierund untragbar ist, das war uns dann doch zu unprofessionell.

Und kannst Du Dir vorstellen, was uns L’09 in seiner Stellungnahme auf unsere Absage vorgeworfen hat? „Unprofessionalität und Vollkaskomentalität“. L’09, das ja das ganze Kulturhauptstadtjahr inhaltlich und organisatorisch betreut, schafft es nicht, nach Monaten von Verhandlungen und Vorleistungen unsererseits klare Bedingungen bekannt zu geben, während wir bis zum letzten Moment für das Projekt gekämpft haben – und wirft uns dann Unprofessionalität vor. Schlimm daran ist, lieber Onkel Hans, dass auch andere Projekte aus ähnlichen Gründen zurückgezogen wurden, allerdings einige in aller Stille. Anstatt sich darauf einzulassen, gemeinsam nachhaltige, partizipative und emanzipatorische Projekte zu entwickeln, ist L’09 damit beschäftigt, sich Teile der Finanzierung über Ablöse und Gewinnbeteiligung zurück zu holen – und wirft uns dann Vollkaskomentalität vor!

L’09 wartet also im Kaufrausch auf das Schnäppchen schlechthin: Bis ins letzte Detail fertig geplante Projekte bei unklaren, sich ständig ändernden Bedingungen. Kein Wunder, dass L’09 nach der Absage von LIT in keiner Weise auf maiz zugekommen ist, um das Projekt doch noch durchzuführen. Immerhin hat sich L’09 bereit erklärt, die angefallenen Kosten, die maiz finanziell schwer belastet hätten, zu refundieren.

Findest du nicht auch, dass Linz wirklich stolz sein kann auf L’, ’09, das

- ein nachhaltig angelegtes Projekt einer Selbstorganisation von Linzer Migrantinnen fast schon mutwillig abwürgt und scheitern lässt;

- den in (EU-)Projektarbeit seit über zehn Jahren erfolgreich tätigen Verein maiz dazu bringt, eine Förderung, die immerhin einem Drittel des Jahresumsatzes entspricht, von sich aus (aber nicht freiwillig) abzulehnen;

- und somit Linz um eines der wenigen nachhaltigen Projekte von L’09 beraubt.

Du merkst schon, L’09 geht es doch nicht wirklich um die nachhaltige Entwicklung einer Stadt – auch wenn das ins Bewerbungspapier der Stadt noch hineininterpretierbar war. Es geht letztendlich um oberflächliche Imagebildung und Identitätsstiftung, damit die Linzerinnen und Linzer wieder ein bisschen stolzer darauf sind, in dieser Stadt zu leben. Glaubst Du, dass das der Kontext sein kann, in dem wir ernsthaft Kulturprojekte entwickeln und umsetzen wollen? Wir nicht, und maiz auch nicht.

In diesem Sinne wünschen wir Dir liebe Grüße aus Linz,
Inge & Udo

Ingeborg Proyer und Udo Danielczyk, beide langjährig erfahrene KulturarbeiterInnen (um nicht -managerInnen schreiben zu müssen), waren vom Verein maiz mit der organisatorischen Projektleitung von LIT beauftragt. Projektaufträge und Jobangebote sind willkommen.