Die Erfüllung großer Erwartungen

Anita Hofer begibt sich in Niederungen und lässt Martin Lorenz erstehen.
erschienen in KUPFzeitung 127/08

Format: 
Kolumne

Erschrocken dreht er sich um und verschüttet fast seinen Aperol. Gerade hat er sich dasselbe gefragt. „Und, ist die Stadt noch dieselbe wie vor 6 Jahren?“ Lächelnd kommt die Studentin der Integrativen Kommunikationswissenschaften auf ihn zu und nimmt einen Schwall der lauten, stickigen Festluft von drinnen auf den Balkon mit. 2015 – damals hat er diese Zahl einfach wegen ihrer Schönheit auserkoren, obwohl, 2017 wär eigentlich schöner gewesen, das ist wenigstens eine Primzahl und hätte ganz andere Assoziationen ausgelöst als diesen direkten Konnex zum Wahljahr – aber wer hätte das gedacht, damals.

Noch während Lorenz Martin sich einen Satz über Leitbilder und deren Erfüllung als Antwort zurechtlegt, hat sie schon die nächste Frage parat: „Warum haben Sie, trotzdem ihre Kommunikationskonzepte für österreichische Kulturhauptstädte extrem erfolgreich waren, nach 09 aufgehört, am kulturellen Wettbewerbsmarkt teilzunehmen?“ Diese neue Managementgeneration, die da heranwächst, interessiert sich also für die jüngere Geschichte des Kulturmarketings, das in den letzten Jahren einen umgreifenden Wandel durchgemacht hat. Und er war beteiligt an diesem Wandel, maßgeblich beteiligt. Oder ist das eine Fangfrage? Kennt sie diese unüberlegte Behauptung seiner Neider, sein autokratischer Führungsstil habe einen Skandal heraufbeschworen, der nur durch die Umsichtigkeit und Kompetenz der lokalen KulturprotagonistInnen nicht eskalierte? „Linz, die doppelte Kulturhauptstadt“ hieß es in den Medien. Fantastische Presse, ging um die ganze Welt, brachte unglaubliche Besucherzahlen. „Das Kulturhauptstadtjahr sieht sich plötzlich mit einem Ereignis konfrontiert, das sich the real cultural capital nennt und sich als scharfe Kritik an der Programmund Marketingkonzeption der Kulturhauptstadtmacher versteht.“

Letztlich war es nicht schwierig, wie schon in anderen Städten vorher, die strategischen Partner von der Ausgereiftheit seines komplexen und raffinierten Konzeptes zu überzeugen... Er hat diese Stadt wachgeküsst, er war es, der Magier, der Heiler, der Ermöglicher, der dieser nicht sehr berauschenden lokalen Kulturszene den Boden für ihr real cultural capital bereitet hat. Nur durch sein Standvermögen konnte dieses Format entstehen, konnten sie Finanziers finden – bis heute ist nicht bekannt, welche – vielleicht war diese Linzertorten-Geschichte ausschlaggebend. Er wollte das Kapital dieser Idee ja nutzen, anders als in Graz, wo die marktwirtschaftliche Nutzbarkeit sein Ablehnungsgrund für eine Kunsthotelidee war. Aber so hatten wir, beide Ereignisse zusammengenommen, viel mehr von allem, Geld, Events, Stadt, Menschen. Viel mehr Mehrwert. Es war riesig und großartig und bashing und komplex.

Ein erfolgreiches Jahr, ein magisches Jahr. Auch die kritiksüchtigen Schandmäuler verstummten, alle feierten seinen Erfolg mit ihm. Sie wartet auf eine Antwort. Wer ist ihr Begleiter? Vielleicht der Typ von der Nachhaltigkeits-GmbH? Schlaues Bürschchen, hat mit seinem 09-Erfahrungshintergrund sofort eine Firma gegründet. „Wissen Sie, meine Berufung ist die Beratung. Ich war ja immer der Coach der Kulturhauptstädte, nicht ihr Macher. Und die österreichische Kultur hat ihren Prozess zur Entwicklung einer Nachhaltigkeitsstrategie abgeschlossen, und das nicht zuletzt wegen der Erweiterung der Zielgruppen im Kommunikationskonzept durch die Gruppe der Künstler und Künstlerinnen. Es gibt Bereiche, wie die Medien zum Beispiel, wo die verantwortungsvolle Aufgabe auf mich wartet, eine Reform der Kommunikationspolitik einzuleiten.“

„Stell ich mir extrem schwierig vor. Aber schließlich haben Sie den Kulturbereich auch reformiert. Ihre zentralen Kommunikationsaussagen sind total aufgegangen – Linz zum Beispiel hat das Gelbe vom Ei verändert! Und Graz durfte endlich alles, nicht wahr? Und ...“ Und wenn sie einer dieser Klons aus den Brutkästen des Grazer Kunsthauses ist? Wenn dieser Literaten-Prophet, wie heißt er wieder, Wondar oder Schondar oder so ähnlich, recht gehabt hat? Aber nein, er hat ja gesagt, die brauchen 999 Jahre, bis sie reif sind zum Schlüpfen. „Gehen wir wieder rein und tanzen zusammen ins neue Jahr? Der Donauwalzer hat gerade angefangen...“

Anita Hofer ist Künstlerin und Kulturarbeiterin.
http://ahofer.at