"Hinaus aus der Stadt mit dem Schuft"

„Hinaus aus der Stadt mit dem Schuft“ (frei nach Karl Kraus)
Kommentar von Andi Wahl

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Kommentar

„Hinaus aus der Stadt mit dem Schuft“ (frei nach Karl Kraus)

Kommentar von Andi Wahl

In einem Interview mit den Oberösterreichischen Nachrichten (12.3.08) meinte 09-Intendant Martin Heller zur Aussage des Phönix-Leiters Harald Gebhartl, dass sich das Phönix durch 09 seine Seele nicht rauben lasse: „Wir kennen das aus ethnologischen
Berichten: Mit dieser Begründung wollten sich Eingeborene nicht
fotografieren lassen. Das trifft die Sache ganz gut: Da wehrt sich
jemand dagegen, auf eine andere Weise wahrgenommen zu werden, als auf
die, die er kennt. Solche Sprache sagt wohl mehr über den Konflikt, als
auf den ersten Blick ersichtlich ist.“

Damit hat Heller entgültig die Hose runter gelassen und seine Position gegenüber der Freien Kunst und Kulturszene der Stadt Linz klar gestellt. Denn auch bei ihm sagt „solche Sprache (...) mehr (...) als auf den ersten Blick ersichtlich.“ Hier die eingeborenen Neger-Könige (Harald Gebhartl und Konsorten) dort die aufgeklärte Lichtgestalt und Zivilisationsbringer (Martin Heller). Als Ethnologe weiß Heller natürlich, dass er sich damit der Sprache eines Kolonialherren bedient und symbolisch dessen Stellung einnimmt. Er selbst sieht das sicherlich als bewusst gesetzte Provokation, und hält sich vielleicht sogar für mutig. Wir allerdings kennen das alles schon. Und was bei Thomas Bernhard und Claus Peymann noch aufrüttelnd und amüsant war, schmeckt bei Martin Heller wie ein dritter Aufguss – ein wenig schal.
Was Heller als Nicht-Österreicher vielleicht nicht wissen kann, ist, dass hier zu Lande künstlerische Hervorbringungen direkte gesellschaftliche Relevanz besitzen. So war beispielsweise der ehemalige Bundeskanzler und heutige Fraktionsführer der Volkspartei, Wolfgang Schüssel, in jungen Jahren für seine Gesangskunst bekannt. Mit seiner schönen Stimme hat er einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Etablierung der Rhythmus-Messen in Österreich geleistet. Und in eben diesen jungen Jahren hat er ein Liederbuch heraus gegeben, in dem auch ein damals gern gesungenes Lied enthalten war. Zwei Strophen diese Liedes möchte ich hier Herrn Heller ins Stammbuch schreiben:

Negeraufstand ist in Cuba
Schüsse gellen durch die Nacht
Weiße werden hin gemordet
und die Negertrommel kracht.

Auf den Flüssen schwimmen Tote
wie verkehrte Butterbrote
und der leichensüße Saft
gibt den Negern neue Kraft.

Angesichts des sich formierenden Widerstands der Freien Szene in Linz gegen die Intendanz von Linz 09, vielleicht bald wieder ein gern gesungenes Lied.
Doch Heller kann sich auf die fortgeschrittene Zivilisiertheit der Eingeborenen verlassen. Sie werden ihm schon nicht gleich den Bauch aufschlitzen. Vielleicht jagen sie ihn aber mit nassen Fetzen aus der Stadt. Das wäre eine angemessene Reaktion auf Hellers „mutig-provokanten Sager“.

PS: Auf Grund dieses Textes hat mich Martin Heller kürzlich auf einen sonntaglichen Kaffee zu sich geladen. Dabei musste ich leider erkennen, dass er wirklich meint Linz auf das Niveau eines „zeitgemäßen Kunstdiskurses“ bringen zu wollen. Quasi nach „Vorne“. Und wo „Vorne“ ist, bestimmt natürlich Heller. Denn: Massa Heller sein großes Zaubara. Wissen alles von Welt.