Lifestyle und Eleganzproblem

(Feb 2008) Linz09 wird eine eigene Spielstätte betreiben. Weil sich die Logistik-Halle an der Franckstraße als ideale Heimat für Linz09 Kunst und Kultur erweist, wird mit dem Eigentümer ÖBB verhandelt. Martin Heller lässt Norbert Trawöger noch während des Gesprächs alle Fragen dazu vergessen.

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Zehn Minuten vor dem vereinbarten Termin treffe ich im Linz09-Hauptquartier ein, um Martin Heller über den aktuellen Stand in Sachen „Spielstätte“ zu befragen. Nach fünf Minuten bedeutet mir eine sympathische Vorbotin, dass es eher zehn nach werden wird. Die Zeit verging rasch und trotzdem schien es immer noch zu früh für meine Fragen, denn meine beabsichtigte Frage schmetterte gleich an Hellers “Wir kommunizieren über die Spielstätte im Detail erst dann, wenn wir weiter sind“. Ach so, dachte ich mir und überlege, womit der angebrochene Fragenachmittag noch zu retten sei. Meine zweite Frage folgte rasch und ich wollte wissen, warum vor Weihnachten kommuniziert wurde: „Linz09 bekommt eine eigene Spielstätte“. Und dann Linz09 aber erst lediglich beabsichtige, die ÖBB Logistikhalle als Spielstätte zu gewinnen. Über die damalige Pressemitteilung war nicht nur ich verwundert, bringt man sich doch zusätzlich mit dieser öffentlichen Wollenserklärung in eine denkbar schlechte Ausgangsbasis für Verhandlungen. „Es gibt Dinge, die kann man nicht unter dem Deckel behalten. Das ist ein öffentliches Projekt, da kann man nicht wie ein Privater verhandeln und im Zweifelsfall kommunizieren wir eine Umdrehung mehr“, so Heller. An diesem Nachmittag bedaure ich, nicht zu den Zweifelsfällen zu gehören.

Im Gegensatz der Meinung vieler Linzerinnen und Linzer sei die Stadt nicht mit vielen Auftritts- und Spielmöglichkeiten gesegnet, so der 09Intendant. Verschiedenste Formate wie etwa ausstellungsähnliche Projekte oder Theater benötigen einen großen multifunktionalen Raum. Eine eigene Spielstätte soll die Möglichkeit bieten, verschiedene Ansprüche zueinander zu bringen und diese Ansprüche so zu kombinieren, dass sie vom Öffentlichkeitswert und auch von der Kalkulation her Synergieeffekte ergeben. Um eine Programmdichte, die von den Ansprüchen an eine Kulturhauptstadt zu erwarten ist, zu gewährleisten, reichen die bestehenden Räume eben nicht aus. Klingt logisch – aber ist es hierfür zeitlich nicht etwas zu knapp? „Nein“, meint Heller, die ÖBB Halle wäre in einem äußerst guten Zustand. Er gehe davon aus, dass dies ohne weiters machbar ist. „Die Nachhaltigkeit kommt dabei natürlich an ihre Grenzen“, so Heller auf die Frage nach dieser, da diese Halle wieder in ihre Urfunktion zurückkehren werde.

„Generell bin ich nie zufrieden, das wäre ja der Anfang vom Ende“, reagiert Heller auf die Frage, wie er im Allgemeinen mit dem Verlauf der Dinge zufrieden sei.
„Schauen sie, so ein Projekt ist ein Riesending. Da können sie am Tag noch so gut arbeiten, abends fallen einem 30 Dinge ein, die sie hätten noch machen sollen.“
„Ist Linz zu spät?“, von Heller selbst eingestreute Frage (und die Vorbereitungen für 09 meinend), die er offen gesagt bescheuert findet, noch dazu wenn sie von Laien gestellt wird und beantwortet sie selbst: „Dies kann niemand im Ernst beurteilen. Ich kann es manchmal besser und manchmal schlechter. Es kann uns ein Entscheid wie etwa die Spielstätte um Monate zurückwerfen, ohne dass ich dafür etwas kann. Da gibt es sehr viele Zufälligkeiten, die nichts mit meiner Professionalität und Kompetenz zu tun haben. Ich gebe dies offen zu, das ist nicht berechenbar“, und streut gleich noch eine zweite selbst gestellte Frage ein, ob er alles im Griff habe: „Nein, ich habe es nicht im Griff, denn wenn man etwas zu lange im Griff hat, dann erwürgt man es. Ich wäre nie so arrogant zu sagen, ich hätte es im Griff. Aber ich gebe mein bestes und wir sind gut unterwegs!“

Dies hänge natürlich auch davon ab, was eine Stadt zu liefern im Stande sei. „Wir mussten in Linz viel Basisarbeit leisten“, wirft Martin Heller ein.
Den Österreichern muss gesagt werden, Linz ist viel interessanter als ihr denkt, und dem möglichen Publikum außerhalb unseres Landes muss mitgeteilt werden, dass es Linz überhaupt gibt. Heller schätzt das Lentos sehr, meint aber, was in der Stadt als Leuchtturm dasteht, ist international inexistent. Das Lentos käme in keinem Architekturführer über neuere internationale Museumsbauten vor. In Linz herrsche ein großer Pragmatismus gepaart mit einer hohen Realisationsqualität und Unvoreingenommenheit, außerdem gebe es wenig Geschichtsbewusstsein. Aber Linz hat eine hohe Lebensqualität und ist herausforderbar. Die Prägung als Arbeiterstadt scheint Dinge wie Lifestyle und Eleganzprogramm für weniger wichtig zu halten, als das in anderen Städten unserer postmodernen Gesellschaft festzustellen ist.

„Das war nicht das, was sie wissen wollten“, rundet Martin Heller lächelnd und rhetorisch fragend unser Gespräch ab. Wenn er schon nicht alles im Griff haben will, so hat seine finale Ansage die Qualität einer herzhaften Umarmung, die ich gleich handgreiflich zu erwidern bereit wäre. Heller ist mir sympathisch. Und doch erinnert er mich an jene „Turnschuhmächtigen“, denen ich im Laufe meines Lebens immer wieder begegnet bin: Man weiß um ihre Macht und wird in der Begegnung vom Lifestyle der Kumpelhaftigkeit überrascht, mit denen sie einen sofort in den eleganten Würgegriff der Sympathie bringen. Fragen sind dann keine Fragen mehr, daher kann es auch keine Antworten geben. Es ist ja alles nicht so einfach und was vermag der Un(ein)geweihte schon zu wissen. Hoffentlich kann ich 2009 endlich das begreifen, für das ich heute scheinbar noch nicht reif genug bin, wie mir suggeriert wird.