Burnout Biennale

Im Kulturbetrieb gibt es eine Biennale - oder fallweise Triennale - der kaum Beachtung geschenkt wird: In unterschiedlich dichten Wellen werden die Geschäftsführungen vieler Kulturinitiativen ausgeschrieben – manchmal vereinzelt, manchmal in überraschendem Umfang: heuer KAPU, Radio FRO, FIFTITU%, qUjochOE, Pangea, MAIZ - Stadtwerkstatt und KUPF wurden letztes Jahr neu besetzt. Von Harald Schmutzhard, Nov 2007.

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Die verwunderlich hohe Fluktuation im auf den ersten Blick sehr attraktiven Arbeitsfeld Kulturmanagement wirft Fragen auf. Wechseln erfolgreiche ManagerInnen in noch attraktivere Positionen oder ist das Burnout-Syndrom (Managerneusprech) für die hohe Fluktuation verantwortlich?
Einen kurzer Rundruf unter GeschäftsführerInnen der freien Szene verkneife ich mir – ich kann mir auch so den tiefen Atemzug der KollegInnen vorstellen, bevor ich eindeutige Antworten auf meine Frage erhalten würde. Also Telefonkosten und Zeit sparen und retour zum Hausverstand.
Viel Arbeit für wenig Geld reicht aber nicht aus, um die hohe Fluktuation zu begründen – das wäre höchstens eine plausible Begründung, falls sich kaum Menschen um diese Jobs bewerben würden. Aber offensichtlich handelt es sich hier um Getriebene, die mit Leidenschaft an einer Sache arbeiten und unter Selbstausbeutung ganze Arbeit für halbe Kohle leisten. Die „neuen“ GeschäftsführerInnen kommen meist aus der Initiative selbst – leisteten bereits vorher ein hohes Ausmaß an ehrenamtlicher Tätigkeit für die Initiative – die Position der Geschäftsführung erscheint oft als Auszeichnung für das unbezahlte Engagement der letzten Jahre. Mit der neuen Position bleibt aber der Gruppendruck – das vorherige ehrenamtliche Engagement wird weiter erwartet, zusätzlich zum Job mit weitreichender Verantwortung (Budget/Förderabrechnungen,...) und das bei schlechter Bezahlung – oft unter NGO Niveau. Auf Grund der eigenen Geschichte sind die GeschäftsführerInnen mit der Initiative meist zutiefst verwurzelt – mensch will nur das Beste – und liefert sich damit einen weiteren, diesmal intrinsisch motivierten Grund zur Selbstausbeutung.
Dazu kommen noch die Burnout-Faktoren wie „falsches Bild des Berufsstatus in den Medien“, „hohe Arbeitsbelastung“, „zeitraubende Verwaltungsarbeit“ (Förderanträge, Förderabrechnung, Projektberichte, …), „wenig Entscheidungsfreiheit“ und vor allem „fehlende Entwicklungsperspektiven“.
Welche Kulturinitiative hat sich in den letzten Jahren weiterentwickeln können? Welcher wurden von der Stadt Linz neue Gestaltungsspielräume ermöglicht (Fussnote1: Zum 80.000 € Jahresbudget einer Kunstinitiative steuerte Kulturstadtrat Watzl 3.000 € bei – trotz über 60 Mitwirkenden, 22 Ausstellungen, 6 nationalen und 3 internationalen Kunstprojekten)? Welche Initiative der freien Szene hat in den letzten Jahren auch nur annähernd jene Fördersumme lukriert, die bspw. die Freunde des Brucknerorchester (Fussnote2: Förderung durch das Kulturamt der Stadt Linz 36.000 € pro Jahr) jährlich erhalten?
Warum erhalten freie Initiativen nicht die Arbeitsbedingungen zugestanden, die Kultureinrichtungen der Stadt Linz wie Posthof, Brucknerhaus oder AEC zugestanden werden? Warum wird hier professionelle Arbeit verlangt, bei unprofessionellen und unfairen Arbeitsbedingungen?
Ist eine Misere über Jahre bekannt, wirft das die Frage auf, warum wird sie nicht geändert? Wer ist für die Misere verantwortlich? Und wer profitiert davon, dass hier engagierte Menschen sich in den Kulturbetrieb schmeißen und nach einigen Jahren enormer Selbstausbeutung wie Sternschnuppen verglühen? Dass jenes „Humankapital“, das die vielen Kulturmanagementlehrgänge jährlich auf den Markt werfen, ungeniert verbraucht wird?
Profiteure der Situation sind die Entscheidungsträger in der Politik. Seit Jahren findet sich die freien Szene immer wieder groß gewürdigt in den Imagebroschüren der Stadt Linz, Linz als Kulturstadt, als Ort der Kreativität, die freie Szene als ein prägender Einfluss des Kulturprofils und als Pfeiler der Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2009? Mit geringstem finanziellem Einsatz wird ein maximales Kulturangebot produziert, das einerseits beste Repräsentationsflächen für die Politiker bietet und andererseits der Hebung der Lebensqualität dient. Der Wirtschaftsstandort wird gestärkt und somit wird insgesamt an einer Entwicklung gearbeitet, die für die nächste Lokalwahl die Wiederwahl gewährleisten soll. Warum sollten die Entscheidungsträger am Kulturbudget etwas ändern, solange „das Werkl“ funktioniert (Fussnote3: Dass zuwenig Geld vorhanden sei, ist schon lange nicht mehr glaubwürdig - alle kulturellen Institutionen der Stadt Linz werden für 2009 fit gemacht – AEC, Stadtmuseen, die Musikschule – und dass die AEC-Erweiterung auch zusätzliches Budget für Produktion und Personal benötigt, ist logisch – ebenso wie der Musiktheaterneubau!)? Bleibt bloß die Frage, was kann von Seiten der Initiativen getan werden? Soll jede Kulturinitiative ihr Cafe eröffnen, um zu überleben? Oder kann die Politik akzeptieren, dass auch im Bereich der freien Initiativen eine faire Bezahlung notwendig ist? Wie wird ein Förderantrag von Kulturstadtrat Watzl bewertet, wenn für professionelle Arbeit auch professionelle Entlohnung kalkuliert wird, wenn es jetzt schon Initiativen gibt, denen nur 3,9% ihres Jahresbudgets als Förderung zuerkannt wird?
Bleibt vorerst nur die Selbsthilfe, indem die Arbeitszeiten der Geschäftsführungen so geregelt werden, dass keine zusätzliche ehrenamtliche Arbeit erwartet wird – wenn schon schlecht bezahlt, dann wenigstens alle Stunden bezahlen, die auch gearbeitet wurden. Dann bleiben die GeschäftsführerInnen länger vorm Burnout bewahrt und den Initiativen länger erhalten - Know-How kann gesichert werden und Arbeitserfahrungen gehen nicht so schnell verloren (Fussnote4: Es gibt derzeit eine neue Geschäftsführung in der freien Szene, die so ausgeschrieben wurde – mal beobachten, ob damit das Burn-Out hinausgezögert werden kann.).

Alltags-Zynismus ist übrigens ein Symptom für Burnout-Gefährdung – neben sexueller Lustlosigkeit – aber wer gibt das schon zu ;-)