Am Strom der Glückseligkeit

Die Donau fließt als einziger Strom Europas gen Osten, Richtung Schwarzes Meer. Ein Meteoritenschauer hat ihr einst den ungewöhnlichen Weg zwischen Schwarzwald und Bayrischem Wald vorgegeben. Randskizzen zur Donaukultur, von Wolfgang Schmutz.

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In ihrem Oberlauf verlässt die Donau streckenweise auch die Oberfläche, versickert und speist so auch den Rhein durch den porösen Kalk mit Wasser. In der schwäbischen Alb hat der Rhein, der als einziger Alpenfluss nach Norden fließt, einst ihre Zuflüsse geerbt. Bis zum „Abfressen“ des Gebiets speisten sie mehrheitlich die Donau.

Die Donau ist nicht nur geologisch und hydrografisch kein Leichtgewicht. Mythen, Sagen, Legenden und reale historische Ereignisse prägten ihren Ruf. Von der ersten Balkanzivilisation bis zu den osmanischen Vorstößen nach Mitteleuropa und der Namensspende für die österreichisch-ungarische Monarchie hatte sie stets eine tragende Rolle inne. Die Skythen nannten sie den Strom der Glückseligkeit, weil die Überschwemmungen fruchtbares Land hinterließen.

Heute hinterlassen Überschwemmungen zerstörte Siedlungsgebiete. Denn im Lauf der Zeit ist man der Donau immer mehr zu Leibe gerückt. Technischer Fortschritt und wirtschaftliche Bedürfnisse haben sie zur Nebendarstellerin ihrer eigenen Nutzung gemacht. Sie wurde gestaut und reguliert, Katarakte wurden gesprengt. Auch an ihrer ungezähmtesten Stelle zeigt sie ihre Macht beinahe nur noch bei schlechtem Wetter: Seit Beginn der siebziger Jahre ist auch am Karpatendurchbruch, dem Eisernen Tor, das Wasser gestaut. Nur wenige Kilometer stromaufwärts versank damals beim Kraftwerksbau eine türkische Enklave im Wasser, die Insel Ada Kaleh. Auf ihr war dreihundert Jahre lang unter wechselnder Herrschaft osmanische Kultur präsent, die sich mit der Absiedelung der letzten türkischen Einwohner zerstreute und aus dem Gebiet verschwand.

Im Jugoslawienkrieg hatte die Donau noch einmal starken Symbolcharakter. Denn neben jener von Mostar standen auch die zerstörten Brücken von Novi Sad bildhaft für den Zerfall des Jugoslawischen in seine nationalen Einzelteile. Wobei es die Nato war, die Novi Sad bombardierte um die Serben während des Kosovokrieges zu schwächen. Einige Jahre zuvor drehte Theo Angelopoulos seinen Film „Der Blick des Odysseus“. Harvey Keitel begibt sich als amerikanischer Regisseur mit griechischen Wurzeln auf die Suche nach verschollenen Filmrollen quer durch den Balkan. Und wird mit der Zeit selbst zum Verschollenen. Ein Stück des Weges trägt ihn ein Lastkahn, der eine riesige demontierte Leninstatue transportiert. Wie ein unbemerkter Leichenzug bewegt sich ein Teil der Geschichte des 20. Jahrhunderts hier die Donau hinunter, langsam und getragen vor Augen geführt. Ein paar Jahre später kommt Goran Rebic an Novi Sad vorbei, als er „Donau, Dunaj, Duna, Dunav, Dunarea“ filmt. Er hält dabei mit der Kamera ein paar BMX-Kids fest, die einer der zerstörten Brücken als Rampe in die Donau benutzen. So scheinbar belanglos Rebic über den Wasserrand blickt, so mythisch aufgeladen agiert das Ensemble an Bord des Schiffs. Und weil die Donau simplen Mythos schlicht nicht trägt, wirkt der schicksalhafte Plot in Summe auch zunehmend banal. Reise und Film steuern so dem Nullpunkt zu, und schon weit vor dem Leuchtturm von Sulina ist dieser absehbar.

Mit Hubert von Goiserns Linz-Europa-Tour reiste nun auch ein Linz09-Projekt gen Osten, die Donau hinunter. Und wieder kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass eine mythisch aufgeladene Donau einen Schiffsreisenden in ihren Bann zieht. Ein Bann, der den Blick trübt und Bestätigungen und Widersprüche gleichsam warm zum Erfahrungsganzen vereint. Und darunter leidet die künstlerische Qualität. Anstatt die Freiheit an Bord zu Entwicklungsversuchen zu nutzen, wie dies ambitioniertere Schiffsreisen schon getan haben, konzertiert man mit festgelegten Bands an festgelegten Orten und spielt als kultureller Botschafter Alpenhitradio aus den 90ern. Die Donau trägt einen in Gewissheit.

Auf diese Weise passt die Tour wohl auch gut zu Linz, wo die Donau Kulisse unserer selbst sein darf und Bühnenboden für Klangwolken. Städtische Auflagen sorgen an den Ufern für den Erhalt des Dekorationscharakters. Selbst die kulturell-architektonische Einfassung der Donau hat man am Schlossberg ausbrechen lassen. Statt einem Musiktheater das zur Donau schaut, schaut jetzt eine Museumserweiterung auf das Landhaus. Und so wird die marketingtechnisch ganz nette Tilde zwischen „Linz“ und „Donau“ auch als Zeichen für „cirka“ lesbar.

Dennoch versucht man es immer wieder mit der Donau, macht Landesausstellungen, Festivals, Events, lässt sich auf ihr treiben – aber gerecht geworden ist man ihr noch immer nicht. Wohl deswegen, weil uns der Mythos befällt, wenn wir uns auf sie einlassen. Weil wir sie zum Dekor machen, wenn wir es nicht tun. Und weil wir dann immer unkritisch glückselig werden, und die Donau so blau, wie ein schwarzer Fluss nie sein kann.