Ist Linz subversiv?

(Dezember 2007) Im Oktober wurde von Linz 09 das Programmbuch 1/3 präsentiert. Es wurde damit „eine erste Vorschau auf 88 bereits feststehende Programmpunkte im kommenden Jahr sowie im Kulturhauptstadtjahr“ gegeben. spotsZ hat eines der 88 Projekte ausgewählt, Tanja Brandmayr befragt Harald Schmutzhard und Barbara Pitschmann von Social Impact über „Subversivmesse“, Subversion und Macht.

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Interview

Kannst du über die Definition von Subversion etwas sagen, über euer Selbstverständnis, bzw. auch über konkrete Programmpunkte, die geplant sind?

HS: Wir verwenden eine positive Definition von Subversion. Als Mittel, die hegemoniale Macht zu hinterfragen, geht es um eine produktive Ausweitung von Grenzen, um neue Aktionsfelder. Es geht darum, eine Arbeitsweise zu propagieren, die aus dem Selbstverständnis von Social Impact heraus demokratisch wie emanzipatorisch ist. Einer unserer Wunschkandidaten für die Messe sind „The Yes Men“, die durch so genannte Impersonifikationen interessante Ergebnisse erzielen. Sie haben etwa in Neu Delhi eine Pressekonferenz als Vertreter von Coca Cola abgehalten, wo sie verlautbart haben, dass der Konzern eine Million Dollar an Entschädigung für Grundwasserverschmutzung zahlt. Coca Cola hat dann tatsächlich eine Summe gezahlt – um negatives Image abzuwenden. „The Yes Men“ arbeiten immer mit sehr professionellen Inszenierungen, sei es als Produktvertreter für „Manager Rescue Systeme“ oder als Vertreter der Nationalen Energie Agentur, die Methoden verlautbaren lässt, wie man aus menschlichen Körpern Energie erzeugen kann. Darüber hinaus wird bei der Messe aber auch der klassische Hacker vertreten sein oder diverse Tools von programmierbaren sms-Sprayern oder Modedesign zur schnellen Vermummung.

Wie seht ihr das Verhältnis Subversion und Macht, bzw. wo sind die Grenzen des Formates „Subversivmesse“.

HS: Machtverhältnisse werden erst durch Grenzüberschreitung sichtbar gemacht. Subversion unterläuft diese Machtfelder und stellt eine Gegenstrategie zu Handlungseinschränkungen dar. Vieles läuft oft abseits der herkömmlichen Normierungen, z.B. Überwachung und Zurückdrängung der Privatheit seit 2001. Und Subversion ist sicher nicht allgemeingültig… Aber es gibt in unterschiedlichen Bereichen unausgesprochene Gültigkeitsregeln, die oft von jemand anderem einsuggeriert sind – und genau da ist Subversion ein wichtiges Instrument. Subversion bietet keine neuen eigenen Strukturen und will kein neues System institutionalisieren, sondern sorgt in gewisser Weise für eine Pluralisierung von Gegengewalten.

Subversivität und Messe scheinen ein Widerspruch zu sein. Das Verborgene, das Untergraben von Machtstrukturen – wird das nicht plötzlich ganz nett öffentlich zu konsumieren sein?

BP: Wenn ich von der rein destruktiven Auffassung von Subversion ausgehe, also der „umstürzlerischen Tätigkeit im Verborgenen“, dem Verrat, dann ist das tatsächlich ein Widerspruch, denn eine Messe macht öffentlich. Dadurch, dass die Subversion aber mittlerweile (vor allem durch poststrukturalistische Ansätze) eine positive Aufwertung erfahren hat und die Kraft zugesprochen bekam, unter anderem für eine gesellschaftliche Weiterentwicklung sorgen zu können, dass Gegenkultur durch Subversion entsteht, ist es wichtig und spannend, ausgesuchte Praxen einen breitem Publikum auf eine niederschwellige Art und Weise zugänglich zu machen. Außerdem ist der Plan, dass im Rahmen der DIY Workshops und Worklabs, die wir auch anbieten werden, nicht nur nett konsumiert, sondern fleißig angeeignet und „selbstermächtigt“ wird.

HS: Subversion ist für mich ein positives Instrument der Umwertung. Es ist wichtig, aufzuzeigen, dass subversive Methoden notwendig sind und in der Praxis funktionieren. Wir nützen das Messeformat durch das Anbieten von Leistungen und die Möglichkeit, Produkte zu erwerben auf subversive Weise, weil wir gerade dadurch eine neue Linie in das Konsumverhalten einschleusen. Das hat eine andere Relevanz als eine Ausstellung etwa, befindet sich an einer Schnittstelle von Kunst und Alltag und ist überdies kommunikativer. Die Messe wird neben der klassischen Produktpräsentation Vorträge und verschiedene Methoden und Strategien der Subversion präsentieren. Das ist alles im Sinne eines Selbstverständnisses der eigenen Praxis, der Weiterbildung und langfristiger internationaler Vernetzung.

Mir ist auf eurer Homepage eine Formulierung aufgefallen, nämlich dass sich Social Impact mit der „Entwicklung von Narrationen“ befasst. Das fand ich lustig, weil das Programmbuch von Linz 09 auch eine Strategie des „Geschichtenerzählens über Linz“ verfolgt wird. Ich nehme an, dass sich die Art des Geschichtenerzählens unterscheidet.

HS: Es geht bei Social Impact um keine Geschichte an sich, sondern um das Entwickeln bildhafter Illustrationen und Sichtbarmachungen sozialer Konflikte, und Bildentwürfen zu verschiedenen Verhaltensmethoden. Etwa, wenn beim Projekt „border rescue“ Karten mit recherchierten, sicheren Fluchtrouten über die Grenzen gemacht wurden („illegale Einwanderung“, Anm.), und damit illustriert wird, was ist, wenn das wirklich gemacht wird oder von mehreren Personen gemacht wird. Es geht darum, eine andere Narration aufzuzeigen, die auch möglich wären – aus einem Bewusstsein heraus, die Umwelt beeinflussen zu können, Gesellschaft mitzugestalten. Sonst gäbe es ja nur Verdrängung und Rosamunde Pilcher.

Im Kapitel des Programmbuches von Linz 09, bei „Linz Macht“, wo auch die Subversivmesse beigeordnet ist, ist u.a. zu lesen „Warum die Konfrontation suchen, wenn die Umarmung auch gelingt?“ Lassen sich subversive Strategien nicht auch durch ein Megafestival umarmen, sozusagen als kleines Schmuckstück des Untergrunds?

HS: Das betrifft eine Feigenblattdiskussion, die ich nicht nur bei 09, sondern ganz allgemein sehe; und auch speziell, was die Rolle von Social Impact innerhalb der Kunst anbelangt. Mein Ansatz ist: Veränderung des Environments ist machbar. Eine Umarmung durch 09 sehe ich darin, wie Projekte nach außen kommuniziert werden, zum Teil in Form von Werbetexten. Dass sich da die Intentionen von Linz 09 nicht unbedingt mit den Intentionen der Kunst- und Kulturschaffenden decken, darin liegt das Problem. Das sind schwierige Prozesse. Der Präsentationstext zu „Kommen und Gehen“ etwa entspricht gar nicht dem, was die Intention des Projektes ist: Durch die Gestaltung von Ortstafeln soll auf Themen der Vielfalt der kulturellen Identitäten innerhalb einer Stadt hingewiesen werden. Dass dann Begriffe wie „das kultivierte Europa“ auftauchen, gefällt mir nicht.

BP: Das betrifft auch die Vereinnahmung vom „Chic des Subversiven“ die du ansprichst. Also wenn z.B. Adbusting Aktionen von der kommerziellen Werbung übernommen werden, oder Modelabels ihre Kollektionen in Form einer gefakten Demo präsentieren, dann ist das eben die falsche Seite, die sich diese Taktiken aneignet. Ich find das aber nicht weiter tragisch, es zeigt eher, wie wirksam und spannend diese Taktiken sind – und daher müssen subversive Strategien immer wieder überdacht und neu erfunden werden. Das mit der Umarmung sehe ich eigentlich umgekehrt, denn durch die Institution Messe geben wir der Weitergabe von Wissen, das zum Teil in den Graubereich der Legalität fällt, den nötigen Deckmantel, z.B. jenen der Kunst. So wurde etwa das Prekär Camp (D), das in einem explizit politischen Rahmen passierte und bei dem unter anderem ein Nähworkshop von der Gruppe „Yomango“ stattfinden sollte (bei dem z.B. Taschen mit Zusatzfeatures zum „Fladern“ genäht werden), bereits im Vorfeld verboten, sämtliche Computer und Materialien wurden beschlagnahmt. Wenn ein derartiger Kurs im Kontext „Kunst“ passiert, würde sich die Polizei diesbezüglich schon schwerer tun.

Könnt ihr zur finanziellen Situation von Social Impact was sagen? Ich habe den Eindruck, dass es noch vor kurzer Zeit diesbezüglich sehr schlecht bei euch ausgesehen hat und dass drei Projekte bei Linz 09 eine Wertschätzung bedeuten, die sich längerfristig finanziell positiv niederschlagen wird können?

HS: Social Impact hatte 2005 einen Höhepunkt in den Aktivitäten, 18 Ausstellungen, bzw. Ausstellungsbeteiligungen und fünf Projekte über das Jahr, was zum Teil auf eine gute Repräsentation in Graz 2003 zurückging. Demgegenüber stand eine miserable Förderung seitens der öffentlichen Hand. 2000 bis 3000 Euro Jahressubvention von Stadt und Land bei einem Jahresbudget von 80.000,-- € bedeuteten, dass ich 2006 fast zusperren konnte – und dass Social Impact lange Zeit nur ehrenamtlich durch mich vertreten war. Linz 09 war insofern ein Glücksfall, als dass wir Mitte 2006 in einer Situation des Sein-oder-Nicht-Sein 25 Ideen abgeliefert haben. Vier dieser Ideen sind Anfang dieses Jahres ins Vorprojektstadium gekommen und drei wurden genommen. Das bedeutet, dass es für jedes Projekt eine Projektleitung gibt und dass im Bedarfsfall aufgestockt wird. Was das für die Zukunft für Social Impact bringen wird, wird sich zeigen. Ich denke auch, dass das jetzt einmal ein positiver Schub ist – andererseits sind wir mit unseren Projekten schon so was wie Nestbeschmutzer, weil wir etwa mit dem Grenzprojekt „border rescue“ oder mit „Austria. Waits for You!“ tatsächlich Politikern, der Politik auf die Zehen steigen.

Ist Linz schön?

HS: Muss ich darauf antworten?
BP: Ja, Linz ist schön, ungefähr 2 mal so schön wie Scharnstein, würd ich mal sagen.
HS: Linz war als dreckige Industriestadt viel schöner als das, was man jetzt „geschleckt“ als Fassade errichten will.